Berlin. Allen Lockerungen zum Trotz: Die Coronakrise macht der Wirtschaft weiter schwer zu schaffen. Das Geschäft läuft oft nur mit angezogener Handbremse, die Unsicherheit in den Betrieben ist groß. Für Hunderttausende Schüler, die in den nächsten Wochen mit einem Abschluss ihre Schule verlassen werden, gäbe es wahrlich bessere Zeiten, um ins Berufsleben zu starten!

Bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren Ende April 455.000 Ausbildungsstellen für das kommende Lehrjahr gemeldet. Rund 39.000 weniger als vor einem Jahr – das ist ein Rückgang von rund 8 Prozent. 274.000 dieser Lehrstellen waren noch unbesetzt.

Nun ist ja klar, dass gerade kleinere Betriebe, die um ihre Existenz bangen, derzeit ganz andere Sorgen haben als die Bereitstellung von zusätzlichen Ausbildungsplätzen. Besonders vom Zentralverband des Deutschen Handwerks kommen alarmierende Zahlen: Laut einer Umfrage will sich jeder vierte Handwerksbetrieb im kommenden Ausbildungsjahr aus der Ausbildung zurückziehen.

Ausbildungsbetriebe „in einer Art Warteschleife“, Jugendliche „verunsichert und zurückhaltend“

Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, sieht viele Unternehmen „in einer Art Warteschleife“: Sie hofften auf ein Wiederanlaufen der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte. „Auf der anderen Seite spüren wir eine Verunsicherung und Zurückhaltung bei Schulabgängern“, so Esser weiter. Die Schulabgänger könnten die Zukunftsperspektiven der Betriebe nicht einschätzen. Zusätzliche Sorgen bereitet, dass die Berufsorientierung unter den aktuellen Bedingungen leidet: Wichtige Ausbildungsmessen zum Beispiel finden ja nicht statt.

Experten sehen in der allgemeinen Unsicherheit auch einen möglichen Grund für den derzeit ungewöhnlich starken Rückgang bei der Zahl der Ausbildungsplatzbewerber. Laut BA lag sie im April bei 384.000. Das waren 34.000 weniger als im Vorjahr – ein Minus von rund 9 Prozent. Auf den ersten Blick ist die Zahl der Lehrstellen-Sucher 2020 also sogar stärker gesunken als die Zahl der Lehrstellen, aber das ist natürlich nur eine Momentaufnahme.

In den kommenden Monaten wird es darum gehen müssen, die Perspektiven von Ausbildungsbetrieben und Bewerbern zu verbessern – möglicherweise auch mit noch mehr staatlicher Unterstützung. Gerade erst haben denn auch die Partner der „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ beschlossen, die Auswirkungen der Corona-Krise auf die duale Ausbildung abzuferdern. Zu den Mitgliedern gehören neben der Bundesregierung und der BA auch Vertreter der Bundesländer sowie von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Eine wichtige Maßnahme, die jetzt vereinbart wurde: Firmen, die Azubis aus insolventen Betrieben übernehmen, sollen zeitlich befristet eine Übernahmeprämie erhalten.

Fachkräftemangel bleibt auf der Tagesordnung

Denn in der Wirtschaft fürchten bereits viele, dass selbst das Ausbildungsjahr 2021 noch unter den Coronafolgen leiden könnte. Mittel- und langfristig wäre das schmerzlich. Denn die Herausforderung „Fachkräftemangel“ bleibt schließlich bestehen. Zwar deuten Prognosen darauf hin, dass auf absehbare Zeit die Zahl der Schulabgänger einigermaßen konstant bei rund 800.000 im Jahr bleiben dürfte. Rund um die Hälfte (!) größer sind aber die geburtenstarken Jahrgänge der heute 55- bis 60-Jährigen, die bald aus dem Arbeitsleben ausscheiden werden.

Neben diesem demografischen Wandel sehen sich die Betriebe einer weiteren Herausforderung gegenüber, wenn es um die Besetzung „normaler“ Ausbildungsplätze geht: Viel mehr junge Menschen als früher schaffen das (Fach-)Abi. Laut Berufsbildungsbericht 2020 ist die Zahl der Schulabgänger mit niedrigeren und mittleren Abschlüssen, mit Abstand wichtigste Zielgruppe für Ausbildungsberufe in Industrie und Handwerk, um fast ein Zehntel gesunken: von 584.000 (2010) auf 529.000 (2018). „Die Verschiebung hin zu höheren Schulabschlüssen sorgt für eine andere Erwartungshaltung der Jugendlichen“, heißt es weiter. Schon vor Corona konnten ja etliche Lehrstellen nicht mehr besetzt werden.