RSS Feed abonnieren
Feedback senden

Arbeiten in einer Männerdomäne

Weberei statt Tierarzt: Wie eine junge Frau bei Saati in Raesfeld ihren Traumjob fand

Marlena Klein ist in der Textilbranche ein seltener Anblick. Als ausgebildete Weberin ist sie täglich für 30 Anlagen beim Textilunternehmen Saati in Raesfeld verantwortlich – und arbeitet dort nur mit Männern zusammen.

Marlena Klein in der Weberei: Dort ist sie für 30 Maschinen verantwortlich. Foto: Roth

Marlena Klein in der Weberei: Dort ist sie für 30 Maschinen verantwortlich. Foto: Roth

Raesfeld. Jede Acht-Stunden-Schicht ist für Marlena Klein wie ein persönliches Trainingsprogramm. „Im Schnitt laufe ich in dieser Zeit 15 Kilometer. Das ist besser als jedes Fitnessstudio.“ Und schon ist sie wieder unterwegs!

In der riesigen Halle der Textilfirma Saati im münsterländischen Raesfeld hat die 26-Jährige eine Spule mit Schussgarn ausgemacht, die fast leergelaufen ist. Zwischen den auf Hochtouren laufenden Webmaschinen bahnt sie sich ihren Weg. „Höchste Zeit, die auszutauschen“, sagt die junge Maschinen- und Anlagenführerin. Wenige Handgriffe später steckt eine neue Schussspule im Gestell, und die Garn-Enden sind miteinander verbunden. Das Weben kann weitergehen – ohne Unterbrechung.

Ursprünglich wollte sie Tierarzthelferin werden

Marlena Klein ist immer noch eine Ausnahme in ihrer Branche. Junge Frauen findet man in deutschen Webereien so gut wie nie. Auch bei dem Filtergewebehersteller in Raesfeld, der technische Textilien etwa für Flusensiebe von Trocknern und Waschmaschinen herstellt, arbeitet sie in dieser Abteilung in einer reinen Männerdomäne. Wie kam es dazu?


Hält die Produktion am Laufen: Die junge Anlagenführerin behebt einen Fadenbruch. Foto: Roth
Hält die Produktion am Laufen: Die junge Anlagenführerin behebt einen Fadenbruch. Foto: Roth

„Ursprünglich hatte ich etwas ganz anderes vor“, gibt sie zu. Nach dem Hauptschulabschluss sah alles danach aus, als würde auch sie in einem der beliebten „Frauenberufe“ landen: Tierarzthelferin. „Damals wollte ich irgendetwas mit Tieren machen.“ Doch da kam ihr während eines Praktikums bei einem Veterinär ihre Tierliebe in die Quere. „Tieren Spritzen geben oder sie einschläfern, das ging gar nicht“, erinnert sich die begeisterte Reiterin.

Ausgleich zum Job: Seit ihrem achten Lebensjahr ist Klein begeisterte Reiterin. Foto: Roth
Ausgleich zum Job: Seit ihrem achten Lebensjahr ist Klein begeisterte Reiterin. Foto: Roth

Also orientierte sie sich um, schnupperte während eines Praktikums in den Ferien bei Saati in die Textiltechnik. „Eigentlich wollte ich dort nur Geld verdienen.“ Doch die Arbeit war so interessant, dass sie gleich ein Jahrespraktikum dranhängte: „Dabei wurde mir klar: Dieser Job ist genau mein Ding.“

Nach dem Praktikum startete sie mit einer zweijährigen Ausbildung

Ihr gefiel die Arbeit mit den Maschinen, sie bekam Einblick in die Arbeitsabläufe und erkannte: „Das, was ich hier fertige, nutzt jeder jeden Tag auf verschiedene Weise.“ Nach dem Praktikum startete sie dann 2008 in dem Unternehmen eine zweijährige Ausbildung zur Maschinen- und Anlagenführerin – und wechselte danach zu anderen Webereien.

„Männer sind direkter als Frauen. Damit muss man umgehen können“

Seit zwei Jahren ist sie wieder bei Saati – und arbeitet mit Weber Joachim Kessler zusammen. Die beiden inspizieren bei jeder Schichtübergabe die Maschinen: „Wir gehen die Anlagen durch, und sie sagt mir, was ihr während der Arbeit aufgefallen ist. Da ist sie sehr gewissenhaft“, so Kessler.

Eingespieltes Team: Klein ist die einzige Frau in der Weberei der Firma Saati. Foto: Roth
Eingespieltes Team: Klein ist die einzige Frau in der Weberei der Firma Saati. Foto: Roth
Im Gespräch: Die junge Weberin bespricht sich oft mit ihrem Kollegen Joachim Kessler. Foto: Roth
Im Gespräch: Die junge Weberin bespricht sich oft mit ihrem Kollegen Joachim Kessler. Foto: Roth


Klein wiederum schätzt die Erfahrung des Kollegen – und seine direkte Art. „Genau die macht den Unterschied, wenn man mit Männern zusammenarbeitet. Sie sind direkter als Frauen. Damit muss man umgehen können“, sagt Klein. Das hat auch Kehrseiten. In einer Weberei habe man ihr direkt zu Anfang gesagt, Frauen könnten diesen Job nicht machen. „Da musste ich die Kollegen leider eines Besseren belehren“, schmunzelt sie.

Behält den Durchblick: Klein beobachtet die Arbeit an einem Kettbaum. Foto: Roth
Behält den Durchblick: Klein beobachtet die Arbeit an einem Kettbaum. Foto: Roth

Um Stress abzubauen, setzt sie auf ihr Hobby: Reiten

Solche Probleme kennt Klein bei Saati nicht. Dort ist ihre Arbeit voll akzeptiert. Die könnte bald mehr werden, denn das Unternehmen expandiert: Elf neue Webmaschinen sollen bald in Betrieb gehen. „Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu.“ Doch davor ist ihr nicht bange. „Ich arbeite in einem guten Team, gemeinsam schaffen wir das.“ Und sollte es doch mal stressiger werden, setzt Marlena Klein auf ihr Hobby.

Sie reitet und pflegt ihr Pferd Tequila, einen 19-jährigen Haflinger, in Eigenregie – und das täglich. „Nach Schichtende geht’s meistens direkt in den Stall.“

Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Durch ein Jahrespraktikum habe ich die Arbeitsabläufe in einer Weberei kennengelernt und die Ausbildung angeschlossen.

Was reizt Sie am meisten?

Den Blick in die Technik und die Prozesse, wie das Produkt entsteht. Außerdem macht die Arbeit mit den Kollegen Spaß.

Worauf kommt es an?

Auf präzise Arbeit an der Maschine und Kommunikation mit den Kollegen. Nur so können wir die Qualität unserer Filterstoffe garantieren.

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

Zum Anfang