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Mit Hightech Zukunftsproblem entschärfen

Digitalisierung: Wie die westfälische Bettenfirma Bock das Pflegepersonal entlasten will

Pflegekräfte sind knapp – doch die Zahl der alten Menschen nimmt rapide zu. Hightech könnte das Betreuungsproblem ein Stück weit entschärfen. Ein Beispiel sind die Betten der Firma Hermann Bock. Sie schlagen im Notfall Alarm.

Der Firmenchef: Meinolf Köhn auf dem Hightech-Bett, das mit dem Tablet vernetzt ist – und im Notfall den Pfleger ruft. Foto: Roth

Der Firmenchef: Meinolf Köhn auf dem Hightech-Bett, das mit dem Tablet vernetzt ist – und im Notfall den Pfleger ruft. Foto: Roth

In der Montage: Sergej Kremer baut eine Liegefläche zusammen. Foto: Roth

In der Montage: Sergej Kremer baut eine Liegefläche zusammen. Foto: Roth

Effizient: Mit der Laseranlage werden komplizierte Teile schnell fertig. Foto: Roth

Effizient: Mit der Laseranlage werden komplizierte Teile schnell fertig. Foto: Roth

Verl. Wenn sich Herr Müller nachts im Altenheim auf die Bettkante setzt, registrieren das die Sensoren unter der Matratze. Sie schalten das Licht ein, damit er sicher den Weg zur Toilette findet. Wenn Herr Müller verwirrt oder sturzgefährdet ist, löst sein Aufstehen einen Alarm beim Pflegepersonal aus. Dann kommt jemand und schaut nach, was los ist.

Das Familienunternehmen Hermann Bock zählt zu den Marktführern bei Möbeln für die Pflege

Solch schlaue Betten stehen seit dem letzten Jahr in mehreren Altenheimen in Deutschland und weltweit. Entwickelt und produziert wurden sie von der Firma Hermann Bock im ostwestfälischen Verl. Das knapp 100 Jahre alte Familienunternehmen gehört zu den Marktführern bei Möbeln für die Pflege zu Hause sowie in Altenheimen und Rehakliniken.

Das „intelligente“ Bett ist zukunftsweisend. Weil durch die alternde Gesellschaft die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, soll Technik das oft völlig gestresste Pflegepersonal entlasten. Zahlreiche Medizintechnik-Produkte kommen dabei aus der nordrhein-westfälischen Metall- und Elektro-Industrie. Wie die Betten von Bock.

Betten-Firma schickt sich an, die Pflege zu digitalisieren

Anfang der 1980er Jahre hat die Firma angefangen, die Metallgestelle und Lattenroste mit Elektromotoren zu versehen. Die Liegen lernten, auf Knopfdruck rauf- und runterzufahren, Kopf- und Fußteil zu verstellen. Heute gibt es zudem Beschichtungen, die Keime abtöten, und vieles mehr. Nun schickt sich das Unternehmen an, die Pflege zu digitalisieren.

Im Alltag müssen Pflegekräfte Patienten oft alle zwei Stunden umlagern, damit die sich nicht wund liegen. Licht an, alle umdrehen und trocken machen – auch die, die es nicht nötig haben. So kommen nachts weder Personal noch Heimbewohner zur Ruhe. „Das digitalisierte Pflegebett aber erkennt, wie sich der Mensch darin bewegt und ob die Laken feucht sind, und meldet es“, sagt Geschäftsführer Meinolf Köhn.

Pflegekraft hat via Handy oder Tablet ihre Senioren immer im Blick

Demnächst wird die Sensormatte unter der Matratze Herrn Müllers Puls und Atemfrequenz messen und eine plötzliche Gewichtzunahme signalisieren können: Das ist bei alten Leuten ein Zeichen für gefährliche Wassereinlagerungen. „Die Messung der Vitaldaten haben wir der Assistenztechnik im selbstfahrenden Auto abgeschaut“, sagt Köhn.

Bock hat eine Steuerung entwickelt, an die man verschiedene Arten von Sensoren koppelt. Das System nennt sich Smart Care Control und kann auch bei fremden Betten nachgerüstet werden. „Wir wollen nicht nur Einzelstücke ausstatten, sondern ein komplettes Heim“, erzählt Köhn. Eine Pflegekraft hat so ihre Senioren auf dem Tablet oder Smartphone immer im Blick.

Ruf eines äußerst innovativen Mittelständlers

Und sie vergeudet weniger Zeit mit Schreibarbeiten: Smart Care Control schickt die gesammelten Daten auf den Server der Pflegeeinrichtung und bereitet sie für die Dokumentation auf. Zudem kann die Haustechnik gemeinsam mit Bock die digitalisierten Betten rund um die Uhr aus der Ferne warten.

Die Firma verkauft fast die Hälfte ihrer Produkte ins Ausland. Weltweit lässt die alternde Bevölkerung den Bedarf steigen: „Es werden neue Heime gebaut, und in den vorhandenen werden die Betten ersetzt“, so der Chef. Hierzulande will man die ambulante Pflege zu Hause mit verschiedenen Formen der stationären Betreuung immer mehr vernetzen. Bock bescheren diese Trends hohe Wachstumsraten. Dabei hat das Unternehmen nur rund 160 Mitarbeiter, aber den Ruf eines äußerst innovativen Mittelständlers: flexibel, agil, jede Menge Ideen.

Unternehmen arbeitet mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen

Anregungen kommen von den Kunden und aus der Wissenschaft, Erfinder schicken ihre Tüfteleien. Die firmeneigenen Innovationskreise tagen regelmäßig. „Wir haben rund 20 Projekte aktuell in der Mache“, sagt Entwicklungsleiter Evgenij Bauer: Es geht um neue Produkte, aber auch um Verbesserungen bei der Produktion und Logistik.

Die Digitalisierung verändert auch das Unternehmen. Für das intelligente Bett holte sich Bock externe Entwickler und arbeitete mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen. Künftig will die Firma das Know-how selbst im Haus haben. In diesem Jahr wird sie zum ersten Mal IT-Fachkräfte ausbilden.

Die Digitalisierung verändert auch die Produktion – Stichwort Industrie 4.0

In die Fertigung zieht die Industrie 4.0 ein. „Wir haben unsere Laseranlage mit den Konstruktionsdateien verbunden und übertragen die 3-D-Modelle eins zu eins an die Anlage“, erzählt Bauer. „So können wir individuelle Aufträge innerhalb einer halben Stunde produzieren.“ Nachdem der Laser die Metallteile mit einem komplizierten Muster gelöchert hat, schweißt ein dreiarmiger Roboter die Gestelle.

Die Firma bietet eine große Produktvielfalt: mit Sondermaßen, erweiterbar, mit Seitengitter oder Rollen beispielsweise. Wie es der Pflegebedürftige eben braucht. Bauer: „Wir machen rund 40.000 Betten pro Jahr – und davon gibt es jeweils Tausende Varianten.“


Mehr Bedürftige, zu wenig Personal

Zu wenig Personal: Schon heute fehlen in Deutschland 35.000 Pflegekräfte. Foto: auremar/stock.adobe.com
Zu wenig Personal: Schon heute fehlen in Deutschland 35.000 Pflegekräfte. Foto: auremar/stock.adobe.com
  • Bundesweit arbeiten rund 1,5 Millionen Pfleger in 2.000 Krankenhäusern, 14.000 Altenheimen und bei 13.000 ambulanten Pflegediensten.
  • Derzeit erlernen 146.000 Menschen diesen Beruf – oder werden für die Tätigkeit umgeschult.
  • Den Arbeitskräften steht eine steigende Zahl an Pflegebedürftigen gegenüber. Aktuell sind es über 2,9 Millionen Menschen.
  • Schon heute fehlen 35.000 Pflegekräfte. Experten schätzen, dass die Zahl bis 2025 auf 200.000 steigen wird.

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Jedes vierte mittelständische Unternehmen ist schon recht fit in Sachen Digitalisierung, wie eine neue Kölner Studie ergab. Genauso bemerkenswert: Es gibt einen großen Zusammenhang zwischen Digitalisierungsgrad und Geschäftserfolg.

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