Appell der Industrie

Auto-Zulieferer fordern beim Thema Verbrennungsmotor mehr Sachlichkeit

„Die Diskussion von Fahrverboten ist unsäglich“, sagt Dr. Volker Schmidt. Der Hauptgeschäftsführer von Niedersachsenmetall und dem Verband der Deutschen Kautschukindustrie spricht über „Dieselgate“ und die Lage der Auto-Zulieferer.

Macht sich stark für die Zuliefer-Industrie: Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von Niedersachsenmetall. Foto: Verband

Macht sich stark für die Zuliefer-Industrie: Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von Niedersachsenmetall. Foto: Verband

Autos sorgen für Beschäftigung: Produktion des Golf bei Volkswagen. Foto: Werk

Autos sorgen für Beschäftigung: Produktion des Golf bei Volkswagen. Foto: Werk

Hannover. Stichwort: „Dieselgate“. In Deutschland tobt eine Debatte um die Zukunft des Verbrennungsmotors. Vorwürfe des Magazins „Der Spiegel“ über ein angebliches Kartell haben die Diskussion zusätzlich angeheizt. Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Niedersachsenmetall, des Verbands der Deutschen Kautschukindustrie (ADK) und zehn weiterer Arbeitgeberverbände, fordert eine sachlichere Debatte – nicht zuletzt im Interesse der Auto-Zulieferer und ihrer Beschäftigten.

Nach dem ersten Berliner Dieselgipfel gab es erneut Kritik an der Linie der deutschen Autohersteller. Zu Recht?

Zunächst einmal ergab der Gipfel ein gutes, weil tatsächlich auch realistisch erfüllbares Ergebnis. Das führt uns hoffentlich wieder zu einer Debatte, die auf Fakten und nicht auf Hysterie beruht. Die Kombination aus Optimierung der Dieselfahrzeuge im Bestand und einem Anreizsystem über Prämien für einen Umstieg auf neuere Modelle ist der richtige Weg. Denn so kann die eingeforderte Schadstoffreduktion erreicht werden.

Die Fahrverbote scheinen aber nicht vom Tisch …

Die Diskussion um Fahrverbote in ihrer aktuellen Form ist unsäglich. Nicht nur der Umstand, dass die deutschen Hersteller das Thema Schadstoffreduktion seit Jahren energisch angegangen sind und von Motorgeneration zu Motorgeneration immense Fortschritte erzielt haben. Es ist auch und vor allem eine politische Debatte, weil von der Politik immer ambitioniertere Grenzwerte gesetzt werden. Etwa Stickoxide für Dieselfahrzeuge von 500 Mikrogramm noch 2004 auf 80 Mikrogramm im Jahr 2014 – eine Reduzierung um 84 Prozent in zehn Jahren – oder Feinstaub von 140 Mikrogramm noch 1995 auf 4,5 Mikrogramm seit 2011, eine Reduzierung des Grenzwerts um 97 Prozent binnen 16 Jahren. Das sind politisch gesetzte Werte, die von den Automobilherstellern einzuhalten sind und – ich betone – auch weit überwiegend eingehalten werden. Welche immense Entwicklungsanstrengungen von der Industrie hier abgefordert und auch umgesetzt wurden, findet keine Erwähnung.

Der Deutschen Umwelthilfe ist das nicht genug …

Es mutet schon seltsam an, dass ein Verein wie die Deutsche Umwelthilfe mit ein paar Hundert Mitgliedern die öffentliche Meinung derart bestimmt und den Eindruck zu erwecken versucht, es würden von deutschen Herstellern nur noch Dreckschleudern produziert. Das ist unverantwortlich, auch weil bei vielen Menschen das Auto eine der größten Anschaffungen im Leben darstellt. Die kann man nicht per Federstrich quasi über Nacht komplett entwerten. Gestern noch klimafreundliche Alternative, wird der Diesel heute zur ‚Umweltbedrohung Nummer eins‘ degradiert.

Aber wenn die Grenzwerte nicht eingehalten werden? Das ist doch Gesundheitsgefährdung.

Derzeit geht es wieder einmal viel zu sehr um gefühlte Wahrheiten. Hier wäre eine Debatte wünschenswert, der wissenschaftliche Fakten zugrunde liegen. Tatsache ist: Der auf den Verkehr entfallende Stickoxidausstoß ist seit 1990 von 1,5 Millionen Tonnen auf unter 0,5 Millionen Tonnen zurückgegangen – und das trotz Verdoppelung des Verkehrsaufkommens im selben Zeitraum.

Vorher stammen diese Zahlen?

Vom Umweltbundesamt, das nicht gerade im Verdacht steht, ein Erfüllungsgehilfe der deutschen Auto-Industrie zu sein. Es muss auch um die Frage gehen, welchen Beitrag der Straßenverkehr überhaupt zur Reduzierung von Feinstaub und Stickoxiden leisten kann. Und ob hier Maßnahmen und mögliche Wirkungen in angemessenem Verhältnis stehen. Ich behaupte: Nein! Gerade mit Blick auf Handwerk und Mittelstand, aber auch auf alle, die sich privat einen Diesel angeschafft haben, wäre es geradezu verantwortungslos, jetzt einen Großteil des Werts des Fahrzeugbestands durch mögliche Fahrverbote oder überzogene Maßnahmen zu vernichten.

Kritisiert wird auch die als zu eng empfundene Verbindung von Auto-Industrie und Politik. Sollte das Land Niedersachsen seine Anteile an Volkswagen jetzt losschlagen?

Realistischerweise wird keine große Volkspartei, die ein ernsthaftes Interesse am Posten des Ministerpräsidenten hat, die VW-Beteiligung infrage stellen. Das würde nebenbei gesagt die gesammelte organisierte Arbeitnehmerschaft bei der IG Metall auf den Plan rufen. Richtig aber ist, dass man über eine Neujustierung bei der Wahrnehmung der Aufsichtsratsmandate nachdenken sollte.

Aus welchem Grund?

Es ist schwierig, Augenhöhe herzustellen, wenn auf der einen Seite einige wenige Mitarbeiter der Staatskanzlei die Mandate betreuen müssen und ihnen auf der anderen Seite die geballte Kraft eines Weltkonzerns entgegensteht. Hier wieder für mehr Augenhöhe zu sorgen und die Verhältnisse neu zu ordnen, wird sicherlich eine zentrale Aufgabe der nächsten Landesregierung sein.

Sie sprechen über Vertrauen der Kunden in das Produkt Auto. Jetzt stehen Kartellvorwürfe im Raum. Haben die großen Hersteller Vertrauen verspielt?

Es gab Absprachen zwischen den Herstellern, aber worum ging es denn da? Es ging um Fragen wie der, bei bis zu welcher Geschwindigkeit man ein Verdeck öffnen kann – also um sicherheitsrelevante Themen. Mir ist ganz wohl bei dem Gedanken, dass auf der Autobahn vor mir niemand bei Tempo 120 mit seinem elektrischen Cabriodach spielen kann.

Das war nicht der einzige Vorwurf.

Der zweite Vorwurf, es habe verbindliche Absprachen über die Größe des Harnstoffkanisters gegeben, ist nachweislich falsch. Wir müssen aufhören, eine ganze Industrie zu stigmatisieren und deren Kunden zu verunsichern. Allein in Niedersachsen leben über eine halbe Millionen Mitarbeiter und ihre Familien direkt von der Auto-Industrie. Das sind gute Arbeitsplätze. Die in den letzten Wochen mit Verdächtigungen, Unterstellungen und Faktenlosigkeit geradezu hysterisch geführte Debatte bedroht diese Arbeitsplätze. Das schadet dem gesamten Land – und unsere ausländischen Konkurrenten schütteln nur noch den Kopf.


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