Blick ins Werk

Wöllner produziert lösliche Silikate namens Wasserglas

Ludwigshafen. In der Werkhalle bei Wöllner ist es richtig warm. Aus den Schmelzöfen fließt rote Glut auf die Förderbänder. Vorsichtig kontrolliert Produktionsarbeiter Leone Viola den Auslauf. Was hier entsteht, heißt Wasserglas.

Gemeint ist nicht das Trinkgefäß. Es handelt sich um hochreine Salze (Silikate), die in Wasser löslich sind. Mehr als eine Million Tonnen dieser speziellen Substanzen werden allein in Europa pro Jahr produziert. Das Chemie-Unternehmen in Ludwigshafen zählt zu den führenden Herstellern.

„Wasserglas besteht aus hochreinem Sand und dem Mineral Soda“, sagt Produktionsleiter Winfried Meyrich. Auch mit Pottasche kann man den Sand mischen. „Die Rohstoffe werden zunächst bei circa 1.400 Grad Celsius geschmolzen und dann abgekühlt“, schildert der Fachmann. Wenige Meter von ihm entfernt klirrt es laut. Dort purzeln die erkalteten Bahnen in ein Lager und zerspringen in sogenanntes Stückenglas.

Joachim Krakehl, Leiter für technisches Marketing sowie Forschung und Entwicklung, nimmt eine Scherbe in die Hand: „Für Laien fühlt sich Wasserglas wie normales Glas an.“ Der Unterschied: „Gläser, die wir als Gefäße kennen, beinhalten mehrwertige Ionen wie Kalzium oder Magnesium. Das macht sie unlöslich“, so der Chemiker. „Dieses Wasserglas hingegen enthält nur einwertige Ionen wie Natrium oder Kalium – und kann deshalb in Wasser gelöst werden.“

Und genau das passiert jetzt in der Produktion. Unter Druck und hoher Temperatur wird aus den Bruchstücken eine mehr oder weniger dickflüssige Lösung. Noch ist sie trüb, „wie Tortenguss“, sagt Produktionsleiter Meyrich. Erst nach der Filtration ist sie klar. Spezielle Zusätze steuern später die Eigenschaften des Stoffes.

Mehr als 100 Varianten bietet Wöllner an. Das Gros seiner Produktion nutzt die chemische Industrie als Rohstoff, weitere Mengen gehen unter anderem in die Bau-, Keramik- und Papier-Industrie.

Die Liste der Anwendungen ist lang. In Wasch- und Geschirrspülmitteln sorgt Wasserglas dafür, Schmutz und Fette abzulösen und in Lösung zu halten, sodass die Teilchen weggeschwemmt werden können. Eine ähnliche Funktion übernehmen die Silikate beim Altpapierrecycling: „Zusammen mit anderen Chemikalien waschen sie quasi die Druckfarbe aus der Faser“, sagt Kollege Ralf Kunze, Spezialist für Papiertechnologie.

In Wand- und Fassadenanstrichen dient das Produkt als Bindemittel und erhöht den Austausch von Luft und Feuchtigkeit. Wasserglas wird auch zur Abdichtung von Böden genutzt. Beim Tunnelbau beschleunigt die Substanz die Zementerstarrung. Da Wasserglas nicht brennbar ist, wird es in Brandschutzplatten verarbeitet.

Sogar als Klebstoff, zum Beispiel für Papphülsen, kommt es zum Einsatz: Quer durch die Papierbahnen bildet die Lösung hier ein hartes Netzwerk und verklebt sie. In veredelter Form, nämlich als gefällte Kieselsäure, landet die Substanz in Autoreifen und als Polierkorn in Zahnpasta.

Interessant: Bekannt ist Wasserglas schon sehr lange, sogar schon seit Urgroßmutters Zeiten: Denn bevor es Kühlschränke gab, wurde Wasserglas zum Einlegen von rohen Eiern genutzt. Es dichtete deren Kalkschale ab, und die Eier konnten somit länger verwendet werden.


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