Weltmeisterschaft

Wo Spitzen-Azubis ihr Können zeigen


Stuttgart. Maschinen surren, ein Fahrsimulator pfeift, eine asiatische Besuchergruppe geht plaudernd vorbei – und da soll man sich auf eine millimetergenaue Arbeit konzentrieren?

Ja: Auch das müssen sie aushalten, die besten Nachwuchskräfte! In den belebten Stuttgarter Messehallen wird während der Metallbearbeitungsmesse AMB ein hochkarätiger Wettbewerb für junge Leute ausgetragen: Die nationalen Champions im CNC-Fräsen sowie im CNC-Drehen werden ermittelt. Die beiden Gewinner dürfen Deutschland dann bei der Berufsweltmeisterschaft „WorldSkills“ 2013 in Leipzig vertreten.

Monatelanges Training

Der angehende Zerspanungsmechaniker Mathias Stärk (20) ist mit seinem Start zufrieden. Morgens hat ihm der Wettkampfleiter eine Zeichnung in die Hand gedrückt – nun holt er sein erstes Werkstück aus der Maschine: „Das war ganz schön knifflig. Man kommt hier an seine Grenzen“, sagt Stärk, Azubi beim Maschinenbauer Chiron im baden-württembergischen Tuttlingen.
Er und die drei anderen CNC-Fräser, die es in die Endrunde geschafft haben, müssen mehrere Teile nach Vorlage fräsen – auf hundertstel Millimeter genau und möglichst schnell.

Die Aufregung, die Anspannung, die extrem gute Konkurrenz: alles erst ein Vorgeschmack auf das Geschehen in Leipzig. „Die WorldSkills, das ist wie Olympia“, erklärt Jörg Harings. Der Gesamtleiter Training der DMG Trainingsakademie, die zum Bielefelder Gildemeister-Konzern gehört, ist für den nationalen Wettbewerb im CNC-Drehen verantwortlich. „Wer hier gewinnt, wird bis zum Start in Leipzig noch fitter gemacht – fachlich und mental.“

Das CNC-Fräsen betreut Chiron-Ausbildungsleiter Herbert Mattes. „Es ist eine tolle Leistung“, betont er, „sich mitten im Messetrubel tagelang zu konzentrieren. Aber gerade diese Belastbarkeit ist für Erfolg im Beruf sehr wichtig.“

Auch Azubis, die es nicht zu höchsten Ehren bringen, profitieren vom Wettbewerb. Geübt wird seit Monaten – abends und am Wochenende. Alle Bewerber mussten zunächst in ihrem Betrieb eine Aufgabe lösen. Dann wurden die jungen Fräser und Dreher zu einem Vorentscheid eingeladen. Nur wer auch dort überzeugte, durfte zum Finale nach Stuttgart reisen.
„Wer teilgenommen hat, ist Gold wert!“

Etwa Steven Maluscik (21), Zerspanungsmechaniker beim Medizin- und Industrietechnikspezialisten Zrinski in Wurmlingen (Baden-Württemberg). Er findet, dass sich die Mühe lohnt: „Bei Schnelligkeit und Genauigkeit kann ich mich damit verbessern.“

Das Höchstalter bei den WorldSkills ist übrigens auf 22 Jahre begrenzt. Wobei – anders als im Sport – jeder nur einmal an der WM selbst teilnehmen darf.

Erst nach drei spannenden Tagen stehen schließlich die nationalen Sieger fest: Für die CNC-Fräser darf Chiron-Azubi Johannes Rudolf (20) zur WM fahren, im CNC-Drehen siegt Gildemeister-Lehrling Tobias Brockfeld (21).

Ob es für eine Medaille in Leipzig reichen wird? So oder so ist eines schon sicher, betont Chiron-Ausbildungsleiter Mattes: „Wer hier teilgenommen hat, der ist für sein Unternehmen Gold wert!“

Bewegte Bilder auf AKTIVonline

Drehen und Fräsen um die Wette: AKTIV hat im Messetrubel einen Film gedreht.

„Deutschland hat großen Nachholbedarf“

Die Initiative WorldSkills Germany will noch mehr junge Menschen für eine duale Berufsausbildung begeistern. Als Mitglieder oder Partner engagieren sich zum Beispiel der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und etliche namhafte Unternehmen. Geschäftsführerin Elfi Klumpp erklärt, was Berufswettbewerbe leisten können und sollen.

AKTIV: Zum ersten Mal nach 40 Jahren kommt die Berufsweltmeisterschaft wieder nach Deutschland. Welche Bedeutung hat das für die Wirtschaft?
Klumpp:
Anfang Juli 2013 wird die ganze Welt der Wirtschaft und beruflichen Bildung auf Leipzig schauen! Wir erwarten 200.000 Besucher. Eine bessere Gelegenheit kann es für die deutsche Wirtschaft kaum geben, ihre Produkte, Maschinen und Leistungen zu präsentieren.

AKTIV: Bisher ist das Interesse hierzulande ja nicht so groß. Bei der WM in London 2011 waren wir nur mit 26 Teilnehmern und nur bei der Hälfte der Berufe vertreten ...
Klumpp:
In Leipzig werden wir ganz sicher eine schlagkräftige Berufe-Nationalmannschaft präsentieren. Es gibt 46 Disziplinen, nach derzeitigem Stand treten in 38 Berufswettbewerben deutsche Teilnehmer an. Und sie werden sicher oft um Medaillen und Titel kämpfen.

AKTIV: Was ist der Grund für die bisherige Zurückhaltung?
Klumpp:
Solche Wettbewerbe sind bei uns noch nicht so verankert wie beispielsweise in der Schweiz, in Frankreich oder Korea. Dort sind sie Teil der Ausbildung. Dort erfährt ein Jugendlicher schon, wenn er seine Lehre beginnt, dass er sich an so einem Wettbewerb beteiligen kann. Die Spitzenleute werden daher aus einer viel größeren Gruppe ausgewählt. Deutschland hat da viel Nachholbedarf. Unsere Aufgabe ist es, noch mehr Unternehmen und Verbände von den Chancen beruflicher Leistungsvergleiche zu überzeugen.

AKTIV: Für Firmen und Azubis bedeutet die Vorbereitung auf so einen Wettbewerb sehr viel freiwilligen Einsatz ...
Klumpp:
Natürlich. Aber mit vereinten Kräften ist das leistbar. Viele andere Nationen, die das duale oder ein vergleichbares Bildungssystem etabliert haben, stechen bei den WorldSkills hervor.

AKTIV: Was müsste sich bei uns ändern, damit regelmäßig mehr Auszubildende teilnehmen?
Klumpp:
Wir haben den Verein WorldSkills Germany gegründet, um die beruflichen Wettbewerbe populärer zu machen. Den Schwung der WM in Leipzig werden wir nutzen, um Unternehmen und Bildungsträger für unsere Ziele zu gewinnen.

AKTIV: Aber so ein Wettbewerb ist natürlich kein Selbstzweck. Was steckt hinter dem Engagement der Industrie?
Klumpp:
Die duale Ausbildung, Flaggschiff der deutschen Wirtschaft in den Aufbaujahren, führt heute fast ein Schattendasein. Das müssen wir ändern: Eine Berufsausbildung muss für junge Leute wieder attraktiver werden.

AKTIV: Und was haben die Betriebe von ihrem Engagement?
Klumpp:
Unternehmen müssen sich künftig ja noch mehr um Nachwuchs bemühen. Wettbewerbe bieten einerseits Chancen, junge Leute für einen Beruf zu interessieren, und andererseits, Azubis zu Spitzenleistungen anzuspornen. Die Teilnahme an so einem Wettbewerb schult zudem das Können und steigert die Motivation – das kommt den Unternehmen dann ganz direkt zugute.

www.worldskillsgermany.com

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