Noch mal neu starten

Wo ältere Mitarbeiter wieder in die Lehre gehen


Heilbronn. Mit 56 Jahren neu anfangen, in der Ausbildungswerkstatt feilen, zuschneiden, schweißen? Das ist für viele kaum vorstellbar. Doch Claus Beinhofer hat diesen Schritt gewagt – und einiges dabei gewonnen: „Ich konnte vergessenes Wissen wieder auffrischen und habe sehr viel Neues dazugelernt“, sagt er.

Beinhofer hat zwar vor 40 Jahren eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht, diesen Beruf aber wegen eines Autounfalls bald nicht mehr ausüben können. So kam er in den Karosseriebau bei Thyssen­Krupp System Engineering. Jetzt bekam er die Chance, seine Fähigkeiten noch einmal weiterzuentwickeln.

Nach dem elfwöchigen Lehrgang hat sich die Qualität der Arbeit verbessert. Das sichert Jobs auch für die Zukunft

Nach dem elfwöchigen Lehrgang zur „Fachkraft für spanende Fertigungstechniken, Teil I“ beherrscht er beispielsweise das CMT-Schweißen, weiß, wie man Bleche schneidet und zusammenfügt oder welche Metallverbindungen möglich sind.

Beinhofer ist einer der 17 Teilnehmer des Projekts „Modulare Nachqualifizierung für An- und Ungelernte“, das vom Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft entwickelt wurde. ThyssenKrupp System Engineering in Heilbronn hat als erstes Unternehmen in Baden-Württemberg diese neue Möglichkeit genutzt. Für die Firma kam das Projekt zum richtigen Zeitpunkt: „Das Angebot passt perfekt zu unseren Bedürfnissen“, bestätigt Personalleiter Edmond Biegger. Begleitet wird die Maßnahme von der Servicestelle Nachqualifizierung beim Bildungswerk in Heilbronn.

Leiter Thomas Hennige erklärt die Pluspunkte der Ausbildung in Bausteinen: „Jedes der insgesamt sechs Module ist in sich abgeschlossen. Die Unternehmen können auswählen, welche Fertigkeiten sie genau benötigen.“

Der Lehrgang startete mit einer theoretischen Einführung. Dann folgte ein fester Rhythmus: Montag bis Mittwoch vorwiegend Praxis in der Ausbildungswerkstatt; an den übrigen Tagen drücken die „Azubis“ beim Bildungswerk in Heilbronn die Schulbank.

Ausbilder Roland Paul, der gewöhnlich die 35 gewerblichen Azubis anleitet, bekam mit der Maßnahme 17 neue „Lehrlinge“ dazu: „Schon nach den ersten paar Tagen haben sich die Teilnehmer selbst organisiert und sich gegenseitig geholfen. Das hat den Teamgeist gestärkt“, sagt Paul im Rückblick.

Und Ausbildungsleiter Thilo Röber ergänzt: „Viele sehen es als einmalige Chance, an so einem Lehrgang teilnehmen zu können. Sie fühlen sich wertgeschätzt und sind motiviert weiterzulernen.“

Zum Beispiel Agim Gashi (47), der aus dem Kosovo stammt und seit 13 Jahren im Unternehmen ist. Bei ThyssenKrupp System Engineering in Heilbronn werden die Karossen von Nobel-Marken wie Lamborghini oder Porsche gebaut. Bevor die edlen Hüllen ins Lackierwerk kommen, wird alles in Handarbeit poliert. Das ist Gashis Aufgabe.

Er hat das richtige Fingerspitzengefühl dafür. Doch er kann mehr, diese Erfahrung hat er im Projekt gemacht: „Jetzt weiß ich, was noch in mir steckt“, sagt Gashi und zeigt auf eine Blechdose, eines seiner Werkstücke.

Auch für das Unternehmen hat sich die Maßnahme gelohnt: „Mit der Qualifizierung konnten wir die Arbeitsqualität verbessern und Arbeitsplätze für die Zukunft sichern“, sagt Personalchef Biegger. Deshalb soll auch schon bald das zweite Modul folgen.

Und Claus Beinhofer ist nach dem ersten Lehrgang sicher, dass er weitermachen will: „Ich hab noch lange nicht ausgelernt.“

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