Der Weg in ein normales Leben

Wie zwei Analphabeten lesen und schreiben lernten – und zum Vorbild für Kollegen wurden


Bruchsal/Mannheim. Man sieht es ihm nicht an, dass sein Leben jahrzehntelang die Hölle war. Routiniert zieht Karl Lehrer (50) ein „Ticket“ aus dem Drucker und liest, was draufsteht. In seiner Verantwortung liegt es jetzt, genau das richtige Teil aus dem Hochregallager zu holen. Er arbeitet im Europäischen Ersatzteilzentrum des Land- und Forstmaschinenherstellers John Deere in Bruchsal.

Früher, als er noch nicht lesen konnte, war sein Arbeitsleben Stress pur. Rückblick: Er schlägt sich mit vorübergehenden Hilfsjobs durch. „Man hat ständig Angst, dass alles auffliegt“, erzählt er. Wenn er öfters mal für 15 Kollegen Mittagessen holt, tut er immer so, als würde er sich die Bestellungen notieren. „Man muss sich dann halt alles merken ...“

Vom Verlierer zum Vorbild – das geht

Er hatte strenge Eltern, stotterte als Kind, Furcht war zu Hause und in der Schule sein Begleiter. Lesen und schreiben zu lernen, kam dabei zu kurz. Ein Schicksal, dass er mit Millionen Menschen teilt.

Die meisten Betroffenen sind berufstätig! Auch im Privatleben verbindet sie alle eines: Überall lauern Fallen. Als Karl Lehrer sich damals schlimm den Fuß verletzt, bekommt er beim Arzt Formular und Kuli. Und springt wieder von der Liege auf, behauptet: „Es ist schon viel besser!“ Draußen bricht er vor Schmerzen zusammen.

„Außerdem“, redet er weiter, als wäre das alles fast normal gewesen, „außerdem unterschreibt man jeden Mist, lässt sich von Versicherungsvertretern alles Mögliche aufschwatzen, kriegt Briefe, die man wegwirft.“ Irgendwann steht der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Erst mit 25 fängt Lehrer an, lesen zu lernen: weil in seinem Leben fast nichts mehr funktioniert. Und als er Vater wird, will er das Versteckspiel erst recht beenden. Er will ein Vater sein, der seinem Sohn bei den Hausaufgaben hilft. Über Jahre hinweg verbringt er jeden Feierabend auf der Schulbank, mit 38 hat er den Hauptschulabschluss. Dann lässt er sich vom Arbeitsamt zur Fachkraft für Lagerlogistik ausbilden.

Sein Chef bei John Deere, Marijan Nedic, hat ihn vor zwei Jahren eingestellt. Warum? „Er hat ganz offen über seine Vergangenheit gesprochen. Das ist mutig, zeigt Engagement“, sagt der Vorgesetzte des Bereichs Lagerlogistik. Auch in der Unternehmensleitung hat man Respekt vor Lehrer, der privat viele Betroffene mit seiner Selbsthilfegruppe unterstützt. Stefan Haas, Mitglied der Geschäftsführung: „Wir brauchen Leute wie ihn, die Vorbilder sind und etwas bewegen.“

Lehrer betreibt bundesweit Aufklärungsarbeit und wurde zu einem der „Botschafter für Alphabetisierung“ ernannt, vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung mit Sitz in Münster.

Ähnliche große und kleine Erfolgsgeschichten gibt es viele. Zum Beispiel im Mannheimer Friseursalon „Mar Hair“: Hier entstehen kunstvolle Haarschnitte, traumhafte Brautfrisuren. Sibel Eroglu, Expertin für Make-up und Styling, gehört seit sechs Jahren zum Team. Aber mit dem Lesen und Schreiben hat die Friseurmeisterin Schwierigkeiten, seit sie ins Land gekommen ist – obwohl die Ursachen bei ihr andere sind als bei Lehrer.

Wenn sie eine Gebrauchsanweisung nicht lesen kann, helfen ihr Kollegen. „Für einen Kurs war nie genug Zeit“, schildert die 35-jährige Türkin, die in ihrer Heimat einen eigenen Salon hatte. Sie ist alleinerziehend, hat zwei Kinder, arbeitet von 9 bis 18 Uhr.

Im Einzelunterricht lernt es sich leichter

Seit März holt sie auf: im Einzelunterricht. Ihre Lehrerin richtet sich nach ihrem Zeitplan, verwendet im Unterricht die Produkte aus dem Salon. Ein neues Projekt ermöglicht dies: Es heißt „AlphaGrund“ (Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung für Unternehmen) und wird finanziert vom Bundesbildungsministerium. Nurcan Tanis, die Chefin von Sibel Eroglu, sagt: „Ich bin froh, dass es so ein Angebot gibt!“ Eroglu fühlt sich inzwischen sicher beim Schreiben von Quittungen, tut sich leichter bei der Beratung der Kunden.

Karl Lehrer hat heute in dem europäischen Ersatzteilzentrum von John Deere, wo rund 500 Leute arbeiten, eine feste Stelle. Seine Kollegen wählten ihn schon nach einem halben Jahr zum Vertrauensmann: Jetzt ist er ihre Schnittstelle zum Betriebsrat. „Erst waren sie perplex, als ich meine Geschichte erzählt habe. Dann haben sie gesagt: ‚Wenn du so ehrlich bist, wirst du unser Sprachrohr.‘“

Jede Lernstunde, jedes ehrliche Wort hat sich für ihn ausgezahlt: „Mein Traum ist wahr geworden, ich habe dadurch einen Arbeitgeber gefunden, der mich so nimmt, wie ich bin.“

Fakten

Foto: dpa
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Die meisten sind berufstätig

  • 14 Prozent der erwerbsfähigen Bundesbürger (oder 7,5 Millionen) sind laut einer Studie der Universität Hamburg „funktionale Analphabeten“: Sie scheitern schon an kürzeren Texten, können zum Beispiel schriftliche Arbeitsanweisungen nicht entziffern.
  • Ursachen sind unter anderem schlechte Erfahrungen in Elternhaus und Unterricht, Ängste, ein negatives Selbstbild sowie Leistungsprobleme in der Schule.
  • 57 Prozent dieser Analphabeten sind erwerbstätig.
  • Infos gibt es beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung: alphabetisierung.de

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