Raffinierte Vliese

Wie Landwirte trotz Frostgefahr für eine frühe Ernte sorgen

Kaiserslautern. Sobald die ersten Sonnenstrahlen den Frühling einläuten, beginnen die Landwirte mit der Feldarbeit. Blatt-, Wurzel- und Knollengemüse zählen in Rheinland-Pfalz zu den häufigsten Kulturen. Kein anderes Bundesland erntet so viel Kopfsalat: 2012 waren es laut Statistik 24.000 Tonnen, ein Drittel der Ernte bundesweit.

Eigentlich ist der Anbau erst in den frostfreien Monaten möglich. Doch dank sogenannter Ernteverfrühungsvliese werden Jungpflanzen schon jetzt gesetzt – und landen auch früher im Supermarkt.

Die Vliese sind dehnbar und wachsen mit

Die Abdeckungen kommen zum Beispiel von Freudenberg aus Kaiserslautern. Das Technologie-Unternehmen ist der größte Vliesstoff-Hersteller der Welt. Allein am rheinland-pfälzischen Standort wird im Jahr gut eine Milliarde Quadratmeter produziert, unter anderem für den Agrarbereich.

Unter den Vliesen entsteht ein Mikroklima ähnlich wie in einem Treibhaus. „Tagsüber angestaute Wärme wird nachts am Boden gehalten“, erklärt Roswitha Bold, Marktsegmentleiterin und verantwortlich für Vertrieb und Anwendungstechnik. Die Temperatur liegt im Schnitt um bis zu drei Grad Celsius höher.

„Das steigert die Wurzelaktivität der Pflanzen“, sagt Bold. Diese entwickeln sich früher, wachsen schneller und höher. Durch die Poren bekommen sie ausreichend Licht und Luft. Regen gelangt an den Boden, kann aber auch angemessen verdunsten. „Sonst würde sich womöglich Schimmel bilden“, so die Expertin.

Die Fasern bestehen aus dem Kunststoff Polypropylen. Schon der Ausgangsstoff ist ein wahres Hightech-Produkt: Er enthält Zusätze wie UV-Stabilisatoren, die verhindern, dass das Material im Tageslicht zerfällt.

„Die Wahl des Rohstoffs entscheidet später auch über die Dehnbarkeit der Vliese“, betont Bold. Denn die ist eine wichtige Eigenschaft: Die Abdeckungen sollen auf dem Acker mit den Pflanzen „mitwachsen“. Dabei trotzen sie Stürmen, Erosionen und Reibungen ebenso wie neugierigem Besuch. „Oft laufen Hasen und Wild über die Felder“, sagt Bold. Entstehen dadurch Löcher, dürfen die Vliese nicht noch weiter einreißen.

Ob das Material all das aushält, prüfen Qualitätstechniker Andreas Caspary und sein Team. „Wir nehmen Stichproben und setzen sie bestimmten Belastungen aus“, sagt er und spannt einen Streifen Agrar-vlies in die Zugprüfmaschine.

Das Geheimnis der hohen Reißfestigkeit liegt in der raffinierten Oberflächenstruktur der federleichten Stoffe: Eine Schicht aus feinen Fasern wird mit einer Lage dickerer verschmolzen. „Dadurch entsteht eine gewollt unregelmäßige und sehr feste Struktur“, erklärt Caspary.

Gut sechs Wochen liegen die Vliese auf den Feldern. Immer mehr Landwirte nutzen sie für Salate, Radieschen, Möhren, aber auch Erdbeeren, Kartoffeln und Spargel. Denn wer den Markt früh beliefern kann, hat Vorteile gegenüber der Konkurrenz. Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Neustadt schätzt, dass in Rheinland-Pfalz pro Jahr etwa 5.000 Hektar mit Vlies und Folie geschützt werden.


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