Industriebuchbinderei: „Unsere Arbeit hört sich einfach an – ist aber eine hohe Kunst“

Wie kommen eigentlich CDs, Pröbchen & Co. in Zeitschriften?

Vaihingen/Enz. Teebeutel, Gutscheine, CDs, Mini-Parfümzerstäuber, Shampoo-Pröbchen – und Extra-Hefte zum Heraustrennen: Die Liste der Dinge, die heutzutage mal eben zusätzlich in eine Zeitschrift gepackt werden, ist beachtlich. Was den Kunden als Gratis-Probe freut, macht in der Produktion jede Menge Arbeit. Besonders gut ansehen kann man sich dieses große Puzzle-Spiel bei der Großbuchbinderei H. Wennberg im baden-württembergischen Vaihingen.

Print-Produkte, die jeder im Haus hat

„Wir haben hier schon so gut wie alles gesehen – manchmal ist das eine echte Herausforderung, die Maschinen immer am Laufen zu halten“, sagt Marcel Bauer. Er ist gelernter Industriebuchbinder (inzwischen heißt der Beruf Medientechnologe Druckverarbeitung) und blättert gerade eine Frauenzeitschrift durch – rein beruflich: Bauer prüft, ob alles am richtigen Platz ist und die Bindung hält.

Die Firma Wennberg ist Deutschlands größter Broschürenhersteller im Familienbesitz. Rund 180 Mitarbeiter verarbeiten täglich bis zu 500 Tonnen Papier. Das entspricht knapp 150 Millionen Katalogen und Zeitschriften pro Jahr.

1861 hatte Hermann Wennberg mit einem Mitarbeiter das Unternehmen in Stuttgart gegründet. Inzwischen kümmern sich seine Nachkommen in fünfter Generation, Martin, Daniel und Christian Wennberg, um das Unternehmen, das 1994 nach Vaihingen an der Enz umgezogen ist. „Heute liegen Produkte von uns in jedem deutschen Haushalt“, sagt Firmenchef Martin Wennberg. Ob als Telefonbuch oder Katalog (etwa einer schwedischen Möbelhauskette), als Hochglanzmagazin, Reiseführer – oder auch als Geschäftsbericht.

„Unsere Arbeit hört sich einfach an, ist aber eine hohe Kunst, die so perfekt nur ganz wenige Unternehmen beherrschen“, betont Wennberg. Das glaubt man ihm sofort, wenn man sich im Betrieb etwas umguckt.

Die Vaihinger Spezialisten sind sozusagen der krönende Abschluss bei der Herstellung etwa von Katalogen und Broschüren. Sie kommen erst ins Spiel, wenn Anzeigenverkäufer, Fotografen, Texter, Layouter und Drucker ihren Job erledigt haben. „Wir sind die letzte Instanz“, so Wennberg, „und arbeiten unter extremem Zeitdruck.“

Das fertig gedruckte Papier wird in zwei Varianten angeliefert: als sogenannter Planobogen mit bis zu 64 Seiten, die im Betrieb geschnitten und gefaltet werden, damit ein handlicher Falzbogen entsteht – oder als bis zu 128 Seiten starker Falzbogen, der als Stange geliefert wird.

Die Falzbögen werden dann Pack für Pack zusammengetragen und auf die sogenannten Anleger gepackt; das sind die hintereinander geschalteten Abschnitte einer großen Zusammentragmaschine. Bei Wennberg können in einer Linie bis zu 24 Teile plus Umschlag verarbeitet werden – mit Falzbögen für normale Seiten, aber auch mit Extra-Paketen Werbung. Auf solche Extra-Seiten werden zum Beispiel Warenproben automatisch aufgeklebt, ehe die Maschine auch sie in rasanter Geschwindigkeit einsammelt. Der firmeninterne Rekord liegt bei 250.000 Katalogen in 24 Stunden pro Klebebinder (und von diesen Anlagen stehen hier fünf nebeneinander).

Sind alle Pakete fertig zusammengetragen, werden die Buchrücken gerade gefräst und in der Klebebindemaschine mit drei verschiedenen Leimen verklebt. Danach erst feiern Umschlag und Inhalt ihre Hochzeit. Schließlich noch etwas Kosmetik mit einer Dreimessermaschine, die überstehende Kanten abfräst – und ab geht es zum Versand.

Eine besondere Herausforderung sind heraustrennbare Extra-Hefte, etwa mit Rezepten für Weihnachtsplätzchen, wie sie bald wieder am Kiosk liegen werden. Denn so ein schweres Heftchen hängt ja an einer einzigen Papierseite und muss dennoch sicher in der Zeitschrift halten. Dazu kommt die Vielfalt mancher Zeitschrift – zum Beispiel, wenn deutschsprachige Hefte auch in Österreich und der Schweiz erscheinen: Dann müssen Titelseiten ausgewechselt, oft auch Extra-Seiten oder zusätzliche regionale Werbung eingelegt werden.

Aufträge kommen oft erst in letzter Minute

Stolz ist das Unternehmen auf die Flexibilität der Belegschaft: „Wir erfahren erst in letzter Minute, wie der Auftrag genau aussieht – und haben oft nur Stunden, um zu entscheiden, wie viele Mitarbeiter gebraucht werden, um die Zusammentragmaschinen zu rüsten und um den Auftrag abzuwickeln“, erklärt Wennberg. Das auf den Punkt zu schaffen, ist die Stärke des Unternehmens.

Sorgen machen Wennberg unter anderem die Energiekosten, „die sich in den letzten zehn Jahren etwa verdoppelt haben“. Noch kann der Mittelständler trotzdem gegenüber Wettbewerbern immer wieder punkten: „Wir arbeiten schnell und zuverlässig“, so Wennberg, „und unsere Kunden haben nicht die Zeit, die Produkte in anderen Kontinenten fertigen zu lassen. Dort läuft die Produktion viel langsamer, und auch der zusätzliche Weg würde zu viele Stunden kosten.“


Übrigens …

Lernwillig: Azubi Ekrem Korkutaka, hier mit Industriebuchbinder Michael Petratschek. Foto: Scheffler
Lernwillig: Azubi Ekrem Korkutaka, hier mit Industriebuchbinder Michael Petratschek. Foto: Scheffler

Neuer Name für einen uralten Beruf

  • Der Beruf des Buchbinders geht bis ins Mittelalter zurück und ist damit älter als der Beruf des Druckers.
  • Im industriellen Bereich geht es heute um die maschinelle Fertigung etwa von Büchern, Katalogen und Zeitschriften.
  • 2011 wurde der Ausbildungsberuf umbenannt: Er heißt jetzt Medientechnologe Druckverarbeitung.
  • „Technisches Verständnis und Spaß an der Sache sollte man mitbringen“, sagt Ekrem Korkutaka (20). Er lernt gerade im zweiten Ausbildungsjahr bei der Großbuchbinderei H. Wennberg.
  • Mehr Infos: karriere-papier-verpackung.de

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