Sozialarbeit im Betrieb

Wie ein Sozialpädagoge beim Auto-Zulieferer Brose Kollegen in Not hilft

Nah dran an den Menschen: Der Rat von Manfred Seemann (links) ist oft gefragt. Foto: Karmann

Coburg. Wenn Manfred Seemann (58) über seine Arbeit spricht, kommt er früher oder später an einem Satz nicht vorbei. „Ich stehe unter Schweigepflicht“, erklärt der Leiter der Mitarbeiter- und Familienbetreuung des Automobil- Zulieferers Brose in Coburg.

Über Schicksalsschläge, Ärger in der Familie oder Streit unter Kollegen erzählt er nichts. „Anonymität steht über allem“, sagt der Sozialpädagoge. „Die Kollegen vertrauen mir.“

Das Unternehmen Brose mit weltweit rund 22.000 Beschäftigten hat die Mitarbeiter- und Familienbetreuung vor fünf Jahren ins Leben gerufen. Das Team um Seemann kümmert sich an derzeit elf Standorten um die Gesundheitsvorsorge und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Aber es übernimmt eben auch deutlich sensiblere Aufgaben.

Die Mitarbeiter sind Ansprechpartner für alle Kollegen in Not – ganz egal, ob sie beruflich Schwierigkeiten haben oder privat in der Klemme stecken. „Mitarbeiter bringen ihre privaten Probleme schließlich auch in die Firma mit“, erklärt Seemann.

In seinem Büro geht es dann häufig um private Schulden oder Alkoholsucht. Auch Beziehungsprobleme und der Stress mit pubertierenden Kindern sind immer wieder Thema. Meist vermittelt er die Kollegen, die zu ihm kommen, an spezialisierte Beratungsstellen weiter. Denn Seemann ist bestens vernetzt. Bevor er vor fünf Jahren zu Brose kam, arbeitete er 20 Jahre für den „Förderkreis Ahorn“, einen Verein in der Region Coburg, der sich der Sozialarbeit widmet. Dessen Vorsitzender Michael Stoschek, der auch Vorsitzender der Brose- Gesellschafterversammlung ist, hat ihn in die Firma geholt.

Mit Kollegen über den Tod von Angehörigen zu reden, gehört zu den schwersten Aufgaben

Dank seiner Erfahrung weiß Seemann, wie er mit Menschen umgehen muss – auch in besonders schweren Momenten. „Am schlimmsten ist es, Kollegen bei Sterbefällen von nahen Angehörigen zu begleiten“, sagt er. Gerade an solchen Tagen ist es für ihn selbst besonders wichtig, die Arbeit nach dem Feierabend hinter sich lassen zu können. „Wenn das nicht ginge, könnte ich den Beruf nicht machen“, sagt er.

Deutlich leichter zu verdauen sind da die Probleme des Arbeitsalltags in einer Firma. Oft sitzen bei Seemann zum Beispiel Vorgesetzte, um sich bei Führungsfragen Ratschläge zu holen. „Alle Interessen unter einen Hut zu bringen, ist eben sehr schwierig“, erzählt er. „Oder sie wissen nicht, ob und wie sie Schwierigkeiten im Team ansprechen sollen.“

Viele Leute können aber ganz genau sagen, was sie an ihrem Job stört. Den einen nervt der Kollege. Der andere fühlt sich vom Chef übergangen. Seemann hört dann geduldig zu – und versucht, wenn nötig, gemeinsame Lösungen zu finden. Ab und zu erledigt sich aber auch alles von selbst. „So mancher muss einfach nur mal Dampf ablassen“, sagt er. „Dann geht’s wieder weiter.“


Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Seit meiner Jugend engagiere ich mich ehrenamtlich für Menschen. Das habe ich zu meinem Beruf gemacht.

Was reizt Sie am meisten?
Ich empfinde es als große Wertschätzung, dass Menschen mir vertrauen. Indem ich mich ihrer annehme, kann ich etwas zurückgeben.

Worauf kommt es an?
Entscheidend ist, gut zuhören zu können. Zudem muss man offen sein und darf Menschen nicht in Schubladen einordnen.

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