Fachkräfte aus Spanien

Wie ein Azubi aus Andalusien den Neustart in Bayern wagt

Neumarkt. Was heißt „Abisolierzange“ auf Spanisch? „Los alicates de pelar.“ Jesús Pichardo García übersetzt den Fachbegriff mühelos in seine Muttersprache. Dabei sprach der Azubi aus Sevilla bis vor Kurzem noch kein Wort Deutsch. Bei der Firma Europoles in Neumarkt macht er eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik.

Das Unternehmen mit 1.500 Mitarbeitern stellt besonders schlanke, stabile Masten aus Beton, Stahl und glasfaserverstärktem Kunststoff her. Sie werden weltweit gebraucht: an Bahnstrecken, Stromtrassen sowie im Mobilfunk, zur Beleuchtung von Straßen, Stadien und Flughäfen und auch in Moscheen.

García ist einer von 60 Spaniern im Projekt „career(BY)“, mit dem die Bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeberverbände, die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft sowie die Landkreise Cham, Nürnberger Land und Traunstein Spaniern zwischen 18 und 35 Jahren eine Lehrstelle im Freistaat vermitteln.

Keine Perspektive in der Heimat

34 Unternehmen in Bayern machen mit. Derzeit wird die dritte Staffel vorbereitet, erstmals mit Bewerbern aus Rumänien und Bulgarien – wie Spanien Länder mit hoher Jugendarbeitslosigkeit.

„Bayern ist zwar nicht so warm wie Andalusien“, sagt García. „Dafür gibt es hier Jobs.“ In seiner Heimat sieht es zwar wieder etwas besser aus. Noch immer aber ist jeder zweite Jugendliche ohne Arbeit. Oft hilft selbst eine Ausbildung nichts. Auch García hat in Sevilla eine Lehre als Elektroniker gemacht. Danach jobbte er in einem Labor. „Ich hatte dort keine Perspektive“, sagt der junge Mann, der in Bayern einen neuen Anfang wagt.

„Jesús kann sich schon gut mit seinen Kollegen unterhalten“, sagt Bettina Karg aus der Personalabteilung von Europoles. Auf das Projekt ist er im Internet gestoßen: „Ein Volltreffer“, wie der Spanier sagt.

Zu Beginn stand ein Sprachkurs: ein Vierteljahr täglich sechs Stunden Unterricht. García jobbte tagsüber und büffelte nachts Vokabeln. In Bayern geht es weiter mit dem Kurs. „Die Sprache ist wichtig, um hier klarzukommen.“

Wie alle Teilnehmer hat er vor Beginn der Ausbildung ein Praktikum im Betrieb gemacht. Mit dem Montageteam von Europoles kletterte García auf Mobilfunkmasten in Berlin und wartete die Beleuchtung am Flughafen München. Der Betrieb war zufrieden, und er selbst merkte schnell, dass ihm der Job gefiel.

Im Landkreis Nürnberger Land sind derzeit 20 Azubis von career(BY) aus Spanien, unter anderem in Roding und Cham. Sechs stammen wie García aus Sevilla. In der Freizeit entdecken sie die Region. García hat schon einiges gesehen: Bamberg, Schloss Linderhof und natürlich Neuschwanstein sowie das Münchner Oktoberfest. Im Frühjahr will er sein Rennrad herholen und sich nach einem Radklub umschauen. Bayerisches Essen findet er lecker: „Tapas sind zwar gut, aber die habe ich 20 Jahre lang gegessen. Schweinsbraten ist mal was anderes.“

Hilfe bei der Wohnungssuche

Lauren Weser, eine Mitarbeiterin des Bildungswerks der Bayerischen Wirtschaft, ist seine Betreuerin im Projekt. Sie hat ihm unter anderem eine Wohnung besorgt und hilft bei Papierkram wie dem Bestellschein für die Bahnfahrkarte und dem Ermäßigungsantrag für die Rundfunkgebühr.

Und die Berufsschule? „Es läuft immer besser“, sagt García, der das gleiche Pensum wie die deutschen Azubis schultern muss. Kein Problem: „Wir haben schon den dritten Test geschrieben.“ Einziger Bonus ist ein Übersetzungsgerät, das ihm die Firma spendierte. Es liegt im Unterricht immer griffbereit auf dem Tisch.

Bis Dezember war García in der Grundausbildung und fertigte Sensoren für eine neue Stanzmaschine. Nun arbeitet er im Schutzschalterbau. Weil der Spanier bereits eine Ausbildung hat, kann er vieles, was die deutschen Azubis erst lernen müssen. Etwa löten: „Am Anfang muss man viel üben.“

Heimweh? „Nö!“ García will bleiben. Seine Familie hat ihn bereits besucht. Zum Jahreswechsel ging’s nach Hause in den Süden. Mit im Gepäck: seine ersten Fotos vom Schnee.

Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Zuerst wollte ich in Deutschland einen ganz neuen Beruf lernen. Dann bin ich doch bei meiner ursprünglichen Ausbildung als Elektroniker geblieben und baue nun darauf auf.

Was reizt Sie am meisten?
In Spanien besteht die Lehre aus viel Theorie. Aber wer nicht anwendet, was er gelernt hat, vergisst schnell. Hier wird der Unterricht mit Praxis im Betrieb verbunden. Das ist gut.

Worauf kommt es an?
Wer mit Strom hantiert, muss stets vorsichtig sein. Zum Beispiel muss man wissen, wo man defekte Teile und Platinen berühren kann – und wo besser nicht.


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