Erfolgreicher Neustart mit mutigem Konzept

Wie die Flexibilität der Mitarbeiter den Schienenfahrzeugbauer Talbot gerettet hat

Aachen. „Es gibt viel zu kleben bei einer Bahn“, lacht Claudien Kayijuka, schmiert großzügig Klebstoff auf eine Leiste und passt sie vorsichtig unter der Tür eines roten Regionalexpress-Zuges ein. Dann drückt er die Leiste mit einer Stange fest: „Hält!“

Der gelernte Schreiner arbeitet seit zwölf Jahren bei Talbot in Aachen, setzt Fenster und Einstiegsleisten ein, befestigt Teile auf dem Dach und unter dem Boden: „Ein toller Laden hier.“

Dabei sah es vor anderthalb Jahren für Kayijuka und seine damals rund 360 Kollegen düster aus. Talbot, eine Tochter des kanadischen Schienenfahrzeug-Herstellers Bombardier, sollte für immer schließen. Der Konzern konnte den Standort nicht auslasten. Die Mitarbeiter hielten monatelang eine Mahnwache, suchten das Gespräch mit der Politik und nach Ideen für das Fortbestehen. Schließlich ist Talbot die älteste deutsche Waggonfabrik, gegründet 1838.

Mitarbeiter verzichten zwei Jahre lang auf einen Teil ihres Lohns

Im Juli 2013 dann das Happy End. Eine Investorengruppe übernahm das Werk. 15 Prozent der Anteile kauften der damalige Werkleiter Dirk Reuters und der kaufmännische Leiter Jörg Kaever. „Es war ein Risiko, klar“, sagt Reuters, heute Geschäftsführer. „Aber ich habe hier meine Lehre als Schlosser gemacht und 26 Jahre gearbeitet. Es steckt Herzblut drin.“ 220 Mitarbeiter und 17 Azubis waren beim Neustart dabei. Sie verzichten zwei Jahre lang auf 9,5 Prozent des Lohns und arbeiten vier Stunden die Woche mehr. Dafür werden sie am Jahresgewinn beteiligt. „Und es wird etwas zum Ausschütten geben“, freut sich Reuters.

„Es haben alle gewusst, worauf sie sich einlassen, und alle sind heute zufrieden“, sagt Betriebsratsvorsitzender Ralf Dohmen. „Jeder hat Einfluss auf den Firmengewinn.“ Früher blieb das Werktor im Winter offen, die Lampen waren immer an. „Heute machen die Leute das Licht aus und 18 Grad Heizung reichen plötzlich auch.“

Und was läuft sonst anders? „Oh, vieles“, meint Schreiner Kayijuka, der Mann mit dem Kleber. „Früher haben wir nur neue Waggons zusammengebaut. Heute machen wir auch Reparaturen, Modernisierungen und Hauptuntersuchungen.“

Das Geschäft brummt. Talbot hat Kräfte über befristete Verträge und Zeitarbeit eingestellt und mit insgesamt 350 Beschäftigten fast wieder die alte Betriebsgröße erreicht. Alle Azubis werden übernommen.

Die ehemalige Konzernmutter ist heute ein Kunde unter anderen. „Für Bombardier montieren wir wieder Regionalzüge. Wir sind aber auch Dienstleister für die anderen Bahnhersteller“, so Reuters.

Damit nicht genug: Talbot hat einen Mega-Deal an Land gezogen – mit Harsco Rail aus den USA, dem Weltmarktführer bei Erhaltungsfahrzeugen. Talbot wird für ihn ab dem Herbst 13 Züge montieren, die Arbeiter, Maschinen und Kräne zu Bahnbaustellen bringen.

Und Talbot fährt auch abseits eingefahrener Gleise. Im wörtlichen Sinne: Für die Firma Street-scooter baut der Betrieb das gleichnamige Elektroauto zusammen, das die Technische Hochschule Aachen entwickelt hat. Die Deutsche Post testet den Kleintransporter derzeit für die Paketzustellung. Reuters: „Geht der Wagen in Serie, bringt er uns Arbeit für bis zu 35 Leute.“


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