Aufge(s)trumpft

Wie der Stahlfaden in die Socke kommt


Schöppingen. Bei jedem Schritt, den Roland Krechting auf dem Weg in die Strickerei macht, blitzt das Rot seiner Strümpfe zwischen Schuh und Hosenschlag: „Ich trage Kniestrümpfe aus Überzeugung. Das ist ein echt tolles Gefühl“, sagt der Chef und Inhaber der Strumpffabrik Josef Krechting im westfälischen Schöppingen.

Dort produzieren 120 Rundstrickmaschinen täglich bis zu 10.000 Strümpfe. Modisches Rot findet man hier allerdings nur selten. Es dominieren Schwarz, Grau, Blau oder Grün.

Krechting hat sich auf Funktions- und Arbeitssocken spezialisiert. Die robusten Fußkleider werden vom Einzelhandel als Freizeit- und Sportstrümpfe und von großen Mietservice-Unternehmen für Arbeits-Outfits geordert. „Das macht uns nicht so sehr von der Mode abhängig. Wir laufen nicht jedem Trend hinterher“, sagt der Kniestrumpf-Fan.

Seit 100 Jahren im Strumpf-Geschäft

Funktion statt Farben. Damit haben die Schöppinger unter der Marke „Nordpol-Strümpfe“ seit Jahrzehnten Erfolg. Und Nachschub braucht der Markt ständig: Jede dritte Frau geht mindestens dreimal pro Jahr zum Strumpfkauf, dann leistet sie sich gleich mehrere Paare. Bei den Herren sieht es ähnlich aus. Insgesamt, so schätzt Krechting, macht das jährlich bis zu neun Paar neue Strümpfe pro Verbraucher aus. Das Unternehmen ist schon lange auf dem Markt; vor genau 100 Jahren wurde es von Krechtings Großvater gegründet. Das Jubiläum haben die 40 Mitarbeiter gerade gefeiert. Zu ihnen gehört auch Inge Völkel. Die 59-Jährige kümmert sich um die Rohlinge, die als Schlauch aus den Maschinen fallen: „Ich trenne den Saum von der nächsten Zehennaht. So wird ein Strumpf draus.“

Erst der zweite Blick macht deutlich, wie viel Hightech da drinsteckt. Ein Beispiel sind Strümpfe mit feinen Stahlfäden. „Über diese Fäden wird durch die Feuchtigkeit des Fußes eine mögliche elektrische Aufladung abgeleitet“, erklärt der Unternehmenschef. Die würde sonst Bauteile etwa in der Produktion von Transistoren oder Leiterplatten zerstören.

Ähnlich lassen sich Füße belüften, die in schweren Arbeits- oder Wanderschuhen stecken. Eine eingestrickte Hohlfaser transportiert Feuchtigkeit nach außen. Krechting: „Da hat der Schweißfuß keine Chance.“ Vorausgesetzt, der Fuß steckt in einem atmungsaktiven Schuh.

Die Strümpfe werden von Mitarbeitern in der Chemie-Industrie, aber auch vielen anderen Branchen getragen. Diese intelligente Faser ist in vielen Industrie-Unternehmen im Einsatz.

Für den Strumpf ist das ganz schön anstrengend. „Deshalb müssen wir hohe Qualität liefern“, betont der Firmen-Chef. Strickfehler, ausgefranzte Bündchen oder gar kleine Löcher an Ferse oder Zehennaht seien nicht akzeptabel. Jeder Strumpf wird deshalb noch einmal genau in Augenschein genommen – von Lydia Hund.

Ihr Hauptarbeitsgerät ist die Nähnadel. Die steckt jetzt zwischen ihren Lippen, während die 59-Jährige eine grell pinke Socke begutachtet. Für Lydia Hund ist das Routine, die Farbe aber ist außergewöhnlich. Den krassen Ton hat eine kleine Berliner Strumpfmarke geordert. Firmenchef Krechting: „Manchmal muss man eben auch mal neue Mode-Wege gehen.“

Deshalb stricken die Schöppinger auch Fan-Socken für die Bundesliga. Die wärmen oder kühlen jedes Wochenende die Füße der Fans von Bayer, Dortmund und Co. – je nachdem wie ihre Mannschaft spielt.

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