Firmen-Strategie

Wie der Siegerländer Rohrproduzent Bender-Ferndorf in einem schwierigen Markt agiert


Kreuztal. Nahezu 27 Kilometer lang ist die schnellste Rennstrecke der Welt: ein Ring tief unter der Erde, nahe Genf in der Schweiz. Im größten Teilchenbeschleuniger der Welt prallen die kleinsten Bestandteile der Materie mit annähernd Lichtgeschwindigkeit zusammen. Im Dienste der Wissenschaft: Die Physiker wollen so die Gesetze des Universums erforschen. Dies geschieht in geformten Rohren aus dem Siegerland.

Als die europäische Organisation für Kernforschung vor gut zehn Jahren den Rohrring-Auftrag weltweit ausschrieb, fiel die Wahl auf die Bender-Ferndorf Rohr GmbH in Kreuztal. Für die Firma sei dies immer noch ein gutes Referenzprojekt, sagt Geschäftsführer Hans-Heinrich Schmütsch: „Wir sind qualitativ ganz vorn – weltweit.“

100.000 Tonnen Stahl werden jedes Jahr verarbeitet

Vor einem halben Jahrhundert, so Schmütsch, „haben wir spiralgeschweißte Stahlrohre marktfähig gemacht“. Die entstehen so: Von einer riesigen Rolle läuft ein Stahlband, es wird zunächst geglättet, dann spiralförmig gewickelt und anschließend an den Nähten innen und außen verschweißt. Diese Produktionsmethode ist erheblich günstiger als andere Verfahren.

Netze aus solchen Rohren versorgen uns mit Gas und Trinkwasser. Bei einem Durchmesser von einem halben bis zu fast zwei Metern tragen die Kreuztaler Produkte aber auch das Dach des Fußballstadions in Rotterdam. Außerdem stehen Teile des Hamburger Hafens sowie der gesamte Jade-Weser-Port auf senkrecht in den Grund getriebenen Rohren von Bender-Ferndorf.

Bis zu 100.000 Tonnen Stahl im Jahr verarbeitet das Unternehmen. Derzeit sind die rund 100 Mitarbeiter damit ausgelastet, 65 Kilometer Rohre für eine Gasleitung in Schleswig-Holstein zu fertigen. Arbeit für vier bis fünf Monate.

Die Kreuztaler agieren in einem extrem projekt- und konjunkturabhängigen Geschäft. Mit der ständigen Spannung, wann denn der nächste Auftrag an Land gezogen werden kann. Der Geschäftsführer kennt die Gründe allzu gut: Die großen Energieversorger hätten sich auf Druck der Europäischen Union von ihren Gasnetzen trennen müssen, sodass kaum noch Leitungen gebaut würden. Und die öffentliche Hand halte sich aus Geldmangel mit Investitionen in Fernwassernetze zurück. Zu alledem produziere die Konkurrenz in der Ukraine oder China zu Stundenlöhnen, die weit unter 10 Prozent der deutschen lägen.

Um aus dieser Klemme herauszukommen, hat sich die Firma ein zweites Standbein zugelegt, und – so Schmütsch, „einige Millionen in ein Metallprüftechnik-Labor investiert, das auch andere Betriebe für ihre Werkstoff­untersuchungen nutzen können“. Einzigartig ist ein Ultraschallgerät mit 48 Messköpfen. Damit sei ein „100-prozentiger Test“ am verformten Körper möglich, erläutert der Leiter des Labors, Hans-Dieter Kiel. In dem Prüftechnik-Labor steht auch eines der größten Fallbeile der Welt: Es spaltet Metallstücke, um deren Härte und Zähigkeit zu testen.

Optimistisch schaut Kiel nach vorn: Man werde in der Region genügend Prüfaufträge bekommen, um die Investition zu rechtfertigen. „In wenigen Jahren wollen wir auf eigenen Füßen stehen – und die Prüfeinrichtung für die siegerländischen Metallverarbeiter sein.“

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