Schweißen bis zur Rente

Wie der Kranbauer Liebherr die Belegschaft auch im reifen Alter fit hält


Ehingen. Der Arbeitsplatz von Rocco Mondello ist, nun ja, nichts für Warmduscher. Mondello steht in einem Inferno aus Funken und Lärm. Mit dem Lichtbogen seines Schweißbrenners bearbeitet er die Gitterspitze eines Krans, eine halbe Tonne schwer, das Ding sieht aus wie die abgetrennten Gliedmaße eines Monsters aus Stahl. Seit Stunden beackert der Mann das heiße Metall, wenn er die Maske lüftet, ist sein Gesicht schweißnass.

Man könnte jetzt ganz gut verstehen, wenn Mondello, immerhin schon 56, seinen Knochenjob möglichst schnell an den Nagel würde hängen wollen. Beim Stichwort „Rente“ aber macht er ein Gesicht, als habe er mit Heftzwecken gegurgelt. „Jetzt schon? Ich gehör’ doch nicht zum alten Eisen. Selbst wenn ich das Geld nicht brauchen würde – ich will schweißen! Mindestens bis 63.“

Rocco Mondello will also möglichst lange rackern – hier in der gigantischen Halle des Kranbauers Liebherr im schwäbischen Ehingen. Und er ist nicht der Einzige. Fakt ist: Die Deutschen gehen so spät in den Ruhestand wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.

193.000 Mitarbeiter in der M+E-Industrie sind über 60 Jahre alt

Laut Zahlen der Deutschen Rentenversicherung betrug das durchschnittliche Renteneintrittsalter der Männer im vergangenen Jahr 61,2 Jahre. Bei den Frauen lag dieser Wert bei 61 Jahren. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 legten Männer noch mit 59,8 Jahren die Füße hoch, Frauen mit 60,5 Jahren.

Eine Entwicklung, die sich auch in Deutschlands größtem Industriezweig, der Metall- und Elektro-Industrie, widerspiegelt. 2012 arbeiteten dort 193.000 Beschäftigte über 60 Jahren. Mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Zudem sank laut einer Allensbach-Umfrage im selben Zeitraum der Anteil der Beschäftigten, die von sich aus früher in Rente gehen wollen, von 56 auf 44 Prozent. Jutta Kemme, Leiterin Sozialpolitik beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall, fasst die Entwicklung so zusammen: „Die Beschäftigten stellen sich immer mehr darauf ein, bis zum normalen Rentenbeginn im Betrieb zu bleiben. Und auch die Firmen wollen ihre Mitarbeiter länger halten.“

Voraussetzung dafür: gute Gesundheit. Das weiß auch Liebherr-Schweißer Rocco Mondello. „Natürlich ist das hier Knochenarbeit, und jünger werde auch ich ja auch nicht“, sagt er. Aber im Betrieb sei in letzter Zeit viel unternommen worden, um gerade den Älteren den Job zu erleichtern.

„Meine Schweißermaske ist zum Beispiel belüftet, so werden die Gase weggeblasen“, erzählt er. Zudem wirke das Gebläse wie eine eingebaute Klimaanlage, „das ist ein Segen!“. Beim Schweißen muss sich Mondello zudem nicht mehr verrenken, sondern kann die Position des Bauteils mit einer Art Schwenktisch verändern.

„Und wenn man mal oben dranmuss, gibt es Hebebühnen.“ Dazu all die angebotenen Vorsorgeuntersuchungen, die Rückenschule, Sportangebote, Ernährungsberatung, Freigetränke.

Trotzdem: „Schweißen bleibt harte körperliche Arbeit“, sagt auch Personalchef Jürgen Joos. „Aber wir tun alles, damit der Job so wenig belastet wie möglich und die Kollegen länger arbeiten können.“

Klimaanlage im Helm, kostenlose Getränke, rückengesunde Haltung

Bald 60: Der Schweißer Josef Nowak ist schon seit 33 Jahren bei Liebherr. Foto: Straßmeier
Bald 60: Der Schweißer Josef Nowak ist schon seit 33 Jahren bei Liebherr. Foto: Straßmeier

Ist der Erfolg messbar? „An harten Fakten wie Krankenstand oder Renteneintrittsalter vielleicht noch nicht, das wird dauern“, stellt Sascha Brenner fest, Leiter des Gesundheitsmanagements am Standort. Die Angebote aber würden „überragend angenommen, beim Gesundheitstag kam mehr als die Hälfte der Mitarbeiter, über 1.500 Kollegen“.

Es habe, so Brenner, einen Bewusstseinswandel gegeben. „Bei den Mitarbeitern, weil sie mehr auf sich achten.“ Und auch beim Unternehmen. „Früher hat man sich um die 5 Prozent Kranken gekümmert“, sagt Brenner. „Heute kümmert man sich auch um die 95 Prozent Gesunden. Damit sie fit bleiben!“

So wie Rocco Mondello. „Es wird die Zeit kommen, wo auch ich mich auf die Rente freuen kann“, sagt er. Noch aber liebe er das „Gefühl, gebraucht zu werden“.

Und da wäre noch was. „Unsere Krane, die müssen später Tonnen heben“, sagt er. Wer die denn stabil mache? Der Ingenieur etwa, mit seiner Zeichnung auf Papier? „Neeee“, sagt Mondello, die Schweißer seien das, „mit all unserer Erfahrung“.

Ende der Durchsage. Mondello greift wieder zum Schweißbrenner. Wie jeden Tag.

Das Unternehmen

Liebherr-Krane sind bis zu 250 Meter hoch

  • Die Liebherr-Werk Ehingen GmbH mit ihren rund 2.900 Mitarbeitern zählt zu den weltweit führenden Herstellern von Fahrzeugkranen.
  • Gebaut werden dort vor allem Teleskop- und Gittermastkrane auf Räder- und Raupenfahrwerken.
  • Die gewaltigsten dieser stählernen Liebherr-Riesen erreichen eine Gesamthöhe von fast 250 Metern.
  • Mit nur einem einzigen Hub schafft es ein solcher stählerner Gigant, das Gesamtgewicht von mehr als 3.000 Kleinwagen in luftige Höhen zu liften.

 

 

Mehr zum Thema:

Für eine gesündere Lebensweise kann jeder selbst einiges tun. Hier finden Sie Tipps für die wichtigsten Punkte, auf die man achten sollte, und weiterführende AKTIV-Artikel.

aktualisiert am 16.01.2017

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang