Geräusch-Dämmung

Wie der Jogurtbecher zum Schallschutz im Auto wird


Bocholt. Der Mann liebt leise Töne: „Sie sind sozusagen unser Geschäft“, sagt Werner Borgers, Chef des Bocholter Automobilzulieferers Borgers. Zum Beweis klopft der 43-Jährige auf den gerade ausgeformten Bodenteppich eines Cabrios.

Man muss seine Lauscher schon anstrengen, um das leise Pochen zu hören. Dahinter verbirgt sich ein besonders verarbeitetes textiles Vlies, das störende Fahrgeräusche aufsaugt.

Wenn es um eine angenehme Innenraum-Akustik geht, fährt das Know-how des 1866 gegründeten Unternehmens weltweit in Autos und Lkws nahezu aller bekannten Automarken mit. „Im Golf kommt der größte Teil der geräuschrelevanten Innenraumteile von uns“, sagt Borgers, Firmenchef in fünfter Generation. Dahinter steckt akribische Entwicklungsarbeit.

Der Autoflüsterer aus dem westlichen Münsterland beschäftigt weltweit – einschließlich seiner Maschinenbausparte – an 21 Standorten mehr als 5.000 Mitarbeiter. Allein in Bocholt tüfteln über 150 Ingenieure an Dachhimmeln, Hutablagen, Kofferraumauskleidungen, Motorraumdämpfungen und Bodenteppichen.

Daraus ist dann auch die Kompetenz für Textilien entstanden, die außerhalb des Autoinnenraums verarbeitet werden, wie zum Beispiel der textile Unterbodenschutz. Die Spezialisten kombinieren die Materialien mittlerweile so miteinander, dass sie immer bessere akustische Wirkungen entfalten und immer leichter werden.

Die Kofferraum-Auskleidung, die Klaudius Kuzera gerade in eine automatische Schneideanlage einlegt, ist ein solcher Flüsterstoff.

„Geschnitten wird per Wasserstrahl“, erklärt der 33-jährige Maschinenführer. Das dauert nur wenige Sekunden.

Allein von diesen Auskleidungen werden gruppenweit täglich über 21.000 Stück produziert. Sie bestehen zum größten Teil aus recycelten Materialien. „Da stecken Konfektionsabschnitte aus der Bekleidungsindustrie und sogar wertvolle Rohstoffe aus dem gelben Sack drin, wie etwa Jogurtbecher“, erklärt Pressemann Dirk Bauschen. Erhitzt man diese Kombination aus Baumwoll- und Synthetikfasern, verkleben sie miteinander. Es entsteht ein Thermoplast, der mit Form- und Stanzwerkzeugen dann weiterverarbeitet werden kann.

Textilien dämmen Steinschlag-Geräusche

Für jeden neuen Fahrzeugtyp braucht es solche Werkzeuge. Sie sind Maßanfertigungen und kosten mehrere 100.000 Euro. Darum kümmern sich Werkzeugbau-Spezialisten bei den Borgers-Töchtern Olbrich und R+S Technik. „So bieten wir unseren Autokunden ein Komplettpaket von der Entwicklung bis zur Serienproduktion“, erklärt Werner Borgers. Dazu gehört auch die textile Radlaufschale. Eine Erfindung, die Borgers 1995 auf den Markt brachte. Das robuste Textil verkleidet den außen liegenden Radkasten und hält ein Autoleben lang. Es dämmt vor allem Fahr- und Steinschlag-Geräusche. Mit ihr und den anderen Textilien hat sich der Mittelständler in der Autobranche einen Namen gemacht: 70 Prozent der 600 Millionen Euro Umsatz kommen von Premiummarken. „Dort läuft das Geschäft gut“, freut sich Werner Borgers.

Im Entwicklungszentrum wird derweil weiter getüftelt. Für Besucher ist die Ideenschmiede aber tabu. Warum, erklärt Borgers selbst: „Weil leise Töne auch weiterhin das Geheimnis unseres Erfolgs bleiben sollen.“

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Schlagwörter: Textil

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