Auf Anwohner zugehen

Wie Chemiebetriebe um Akzeptanz für ihre Produktion werben

Leuna/Leverkusen. Ein Unternehmen dankt seinen Nachbarn. Eine Woche lang strahlte die Total Raffinerie ihre Botschaft auf einen Kühlturm der Methanol-Anlage im Ort Spergau, als deren Betrieb im letzten Herbst 30 Jahre alt wurde.

„Der Ort lebt mit der Chemie“, begründete Raffinerie-Geschäftsführer Willi Frantz die Aktion. „Dazu gehören neben Vorteilen wie Steuereinnahmen auch Entbehrungen.“ So ertragen die 1.100 Bewohner der Leunaer Ortschaft mitunter auch Geruch und Lärm.

Ob in Leuna, im sächsischen Böhlen oder im rheinischen Leverkusen – meist funktioniert die enge Nachbarschaft von Chemie-Produktion und Wohnen gut. In Zeiten von Umweltaktivisten und Bürgerinitiativen ist das aber nicht selbstverständlich, besonders, wenn ein Neubau von Anlagen ansteht.

Chemiepark-Betreiber bietet Anlaufstelle für Bürger in Innenstadt

„Die Unternehmen müssen sich heute mehr anstrengen, um akzeptiert zu sein“, erklärt Professor Hans J. Lietzmann, der an der Universität Wuppertal Bürgerbeteiligung erforscht. „Die Gesellschaft hat sich verändert. Die Menschen sind besser ausgebildet und informieren sich umfassend im Internet. Sie bilden sich selbst eine Meinung und wollen mitreden.“

Der Chemiepark-Betreiber Currenta, eine Gemeinschaftsfirma der Unternehmen Bayer und Lanxess, hat deshalb 2013 an den Standorten Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen Nachbarschaftsbüros im Stadtzentrum eröffnet.

„Das senkt die Hemmschwelle, zu uns zu kommen“, sagt Christian Zöller, Leiter des „Chempunkt“-Büros in Leverkusen. „Je näher wir an den Bürgern dran sind, desto früher können wir mögliche Probleme ausräumen.“ So ist Zöller erste Anlaufstelle bei Fragen, sei es zur Ausbildung und bei beunruhigenden Dampfschwaden. Oder er sorgt für eine neue blickdichte Begrünung des Container-Terminals, nachdem ein Grünschnitt zu radikal ausfiel. All das im Dienste der Akzeptanz.

Der US-Konzern Dow setzt an seinen Standorten auf Bürger-Kontaktgruppen, wie etwa im Werk Böhlen, wo Rohbenzin aufgetrennt wird. 15 Anwohner treffen sich dort viermal im Jahr mit Firmenvertretern, besprechen Anliegen oder schauen sich Anlagen an.

„Anfangs war ich sehr skeptisch“, berichtet Lothar Kapitza, der schon viele Jahre Sprecher des Gremiums ist. „Aber dass die Zusammenarbeit so gut wird, hätte ich nicht für möglich gehalten.“ So beschaffte der Konzern für eine laute Anlage Schalldämpfer oder schaltete Geruchsquellen aus. Jüngst hat ein Jenaer Institut mehrere Wochen den Lärm gemessen; die Daten werden derzeit ausgewertet.

Freilich nutzen die Firmen auch weitere Kanäle zur Kommunikation: Nachbarschaftszeitungen, Bürgertelefone, Websites und Facebook-Auftritte. Newsletter informieren Politiker, Behördenmitarbeiter, Umweltaktivisten. Oder die Betriebe suchen das Gespräch mit ihnen. Im Industriepark Gendorf in Oberbayern etwa geschieht das regelmäßig an Info-Tagen.

Überhaupt ist der Small Talk unter Nachbarn ganz wichtig. Das jährliche Sport- und Familienfest der Total Raffinerie in Spergau bietet dazu viel Gelegenheit. „Da geht es ganz leger zu. Wir spielen zusammen Fußball“, erzählt Stefan Möslein, Kommunikations-Chef der Raffinerie. „Wir begegnen uns auf Augenhöhe.“ Aus manchem „Sie“ wird ein „Du“. Und das Vertrauen wächst. Spenden für Kindergärten, Schulen, Vereine, den Feuerwehrnachwuchs vor Ort, das Bachfest in Leipzig oder die Orgeltage in Merseburg tun ein Übriges dazu.

Firmen, die sich so integrieren, haben es bei Bauvorhaben leichter. Vorausgesetzt, sie kommunizieren diese frühzeitig und sind für Änderungen offen. Dann können sie die Anwohner für viele Projekte gewinnen. Zumal, wie eine neue Umfrage des Chemieverbands VCI zeigt, 81 Prozent der Deutschen die Branche „überwiegend positiv“ sehen – so viele wie noch nie.


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