Eine lange Nacht

Wenn es Nacht wird in den Betrieben ...


500 Besucher machten in Bremen eine Tour durchs Dunkle

Bremen. „Können wir bei Ihnen einen Wasserhahn kaufen?“ Gelegentlich werde ihm diese Frage noch gestellt, bekennt Lutz Oelsner, Vorstandsvorsitzender der Gestra AG, freimütig.

Dass der Traditionsbetrieb mit rund 400 Mitarbeitern keine Badezimmer bestückt, sondern ein weltweit führender Produzent von Armaturen und Regelungstechnik für die Dampf- und Energiewirtschaft ist, scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben. Die „Lange Nacht der Industrie“ will das ändern.

Das Interesse am neuartigen Event ist groß. 500 Neugierige, vom Schüler bis zum Rentner, sind Anfang November dabei. Sie werden auf Busse verteilt und erkunden am Abend und in der Nacht pro Bustour je zwei von insgesamt zehn Betrieben.

Spätere Bewerbung nicht ausgeschlossen

Ute Ribbe ist mit drei Jugendlichen aus Delmenhorst gekommen. „Ich arbeite bei einer gemeinnützigen Einrichtung, die sich um Kids aus sozial schwachen Verhältnissen kümmert. Vielleicht findet einer von ihnen einen interessanten Betrieb und bewirbt sich um einen Ausbildungsplatz“, hofft sie.

Aufgeteilt auf drei Gruppen, erforschen die Gäste das Gestra-Werk. Auf dem Prüfstand erklärt Dieter Ginsky von der Gestra-Akademie die Funktionsweise von Ventilen und Kondensat-Ableitern.

Es dampft und zischt, Drücke und Temperaturen steigen, ebenso wie die Neugier auf die Produktion. Die zeigt Gestra-Gruppenleiter Uwe Schmidt. Er führt die Besucher in die Zerspanung. An riesigen computergesteuerten Maschinen fräsen, drehen und bearbeiten Mitarbeiter die Werkstücke. Auf kleinen Tischen haben sie ihre fertigen Produkte aufgereiht: Blank geschliffene Ventile, Rückschlagklappen und Kondensat-Ableiter blitzen den Besuchern entgegen.

Sicherheit geht vor

Zur gleichen Zeit, etwa fünf Kilometer entfernt: 36 Teilnehmer treffen im Betriebsrestaurant der Hella Fahrzeugkomponenten GmbH ein. Bevor sie in die Produktion des Elektronik-Zulieferers der Auto-Industrie dürfen, müssen sie einen Kittel anziehen und ihre Schuhe mit einem speziellen leitfähigen Band erden. So werden die empfindlichen Produkte vor elektrischen Aufladungen geschützt.

Hella zählt zu den 100 größten deutschen Industrie-Unternehmen, ist weltweit mit 24000 Menschen aktiv. In Bremen arbeitet das Kompetenzzentrum Sensorik mit knapp 600 Mitarbeitern: Mini-Module zur Regelung des Innenraumklimas von Autos, zur Messung von Flüssigkeiten, Temperaturen und Abständen werden hier entwickelt und produziert. Dafür braucht das Unternehmen Ingenieure. „Elektroniker, Informatiker, Physiker und viele andere arbeiten hier“, sagt Chefentwickler Thomas Niemann.

Menschen steuern und überwachen

Er erklärt die wichtigsten Produkte der Hightech-Schmiede: einen Ölsensor auf Ultraschallbasis beispielsweise, der den Ölmess-Stab überflüssig macht. Oder einen Temperatursensor, der die Klima-Anlage mit Infos versorgt; sie reguliert den Innenraum dann selbstständig.

Fabrikleiter Markus Mengkowski nimmt die Besucher mit auf eine halbstündige Reise durch die Fertigung. Hochleistungsmaschinen prägen das Bild, aber ganz ohne Menschen kommt auch Hella nicht aus. „Nach wie vor benötigen wir gut qualifizierte Mitarbeiter, die die Prozesse überwachen und steuern“, sagt er.

Die Kunden verlangen höchste Qualität: „Null ppm“. Auf Deutsch: null Fehler auf eine Million Teile (parts per million). Mengkowski: „Wir sind dabei auf einem richtig guten Weg.“

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