Marktführer

Wenn der Zahnarzt zum Bohrer greift…


… muss er sich auf filigranen Schneidinstrumente verlassen können. Die kommen oft aus Westfalen

Lemgo. Oh Schreck, Karies! Den Mund weit aufgerissen – und schon erklingt das gefürchtete Geräusch: „Surrr!“ Eine schnell drehende Spitze bohrt sich durch den kaputten Beißer. Und Enrico Nowak ist es zu verdanken, dass sie keinen tausendstel Millimeter von ihrem Ziel abweicht.

Dieser Mann ist kein Zahnarzt. Sondern Industriemechaniker. Beim Familienunternehmen Gebr. Brasseler im westfälischen Lemgo. Hier vermisst er die winzigen vielschneidigen Ins­trumente im Computer. Der Rechner erfasst die komplizierten Formen dreidimensional: So kann Nowak den kleinsten Fehler erkennen.

Vieles von dem, womit der Zahnarzt bohrt, fräst, schleift und poliert, kommt aus Lemgo. Die Firma ist Marktführer bei rotierenden Dentalinstrumenten (Handelsmarke Komet). Tausende Winzlinge verschiedener Formen und Materialien hat Brasseler im Programm. Jedes Jahr kommen rund 200 neue dazu.

Darunter viele bedeutende Innovationen. Wie die Serie Ceraline aus Spezialkeramik. Die weißen Werkzeuge bleiben länger scharf als die metallischen. Und sie arbeiten schonend. Marketing-Chef Jens Bewersdorff: „Der Arzt merkt so, wenn er an gesunde Zahnsubs­tanz stößt, weil sich der Widerstand verändert.“ Das Loch wird nur so groß wie unbedingt nötig.

Italienische Zahnärzte als Trendsetter

Ein gutes Produkt allein reicht aber nicht, betont Geschäftsführer Reinhard Hölscher. Genauso wichtig sei die Beratung in den Praxen und Dentallabors durch den Außendienst. Und der erfährt vor Ort schnell, welche neuen Trends sich in der Zahnheilkunde auftun. In den wichtigsten europäischen Auslandsmärkten Frankreich, Italien und Österreich hat die Firma Vertriebstöchter, ebenfalls eine in den USA.

Viele Anregungen kommen aus dem Ausland, so Hölscher: „Vor allem die italienischen Zahnärzte sind oftmals Trendsetter.“

Beispiel Schallspitzen: In Italien haben Dentisten schon vor fünf Jahren mithilfe von Schallwellen den Kieferkamm aufgesägt, um Implantate einzusetzen. Eine sanftere Methode, die sich erst jetzt in Deutschland allmählich durchsetzt.

Die Schneidinstrumente halten freilich nicht ewig, sie sind Verschleißware. Krisensicher ist das Geschäft von Brasseler deshalb aber nicht: 2009 hat mancher Patient wegen der Wirtschaftskrise die Entscheidung für ein Implantat verschoben, was sich auf den Absatz ausgewirkt hat.

Noch mehr spürte die Firma die Flaute bei der Schmuckindustrie. Brasseler fertigt auch Werkzeuge für die Produktion von Ringen und Ketten.

Jetzt aber geht es wieder aufwärts. Mit guten Ideen: Ein 21-köpfiges Forscher-Team tüftelt an den Produkten von morgen. Und auch die Mitarbeiter in der Produktion sind erfinderisch.

Neuerung, die ins Auge geht

Eine pfiffige Idee betrifft die Fräsinstrumente, die das Unternehmen für die Juwelierbranche herstellt. Ein Mitarbeiter aus der Diamantfertigung schlug vor, diese Instrumente leicht abzuändern. Jetzt können Augenärzte sie dazu verwenden, Fremdkörper aus der Hornhaut herauszufräsen. Seit Anfang 2010 ist die Neuerung auf dem Markt.

Matilda Jordanova-Duda

Info: Gebr. Brasseler GmbH & Co. KG

Das Unternehmen produziert in Lemgo seine rotierenden Instrumente für Zahnärzte und Dentallabors, unter anderem Bohrer, Knochenfräser, Diamant-Schleifscheiben und Glanzpolierer. Die bringen 80 Prozent des Umsatzes. Der Rest entfällt auf Werkzeuge für die Schmuckindustrie sowie Instrumente für Chirurgen. Brasseler hat weltweit 1.100 Mitarbeiter, davon 870 in Lemgo.

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