Jobs und Investitionen in Gefahr

Welche Folgen ein hoher Tarifabschluss für Bayerns Metall- und Elektroindustrie hätte

Nürnberg/Kempten/Siegsdorf. Die IG Metall Bayern fordert 5,5 Prozent mehr Lohn für die nächste Tarifrunde. Dabei hat sich die Konjunktur spürbar abgekühlt. Und die Lohnentwicklung in der Metall- und Elektroindustrie (M+E) ist zuletzt der Produktivität davongaloppiert: Seit 2007 sind die Tarifverdienste um fast 20 Prozent gestiegen, die Produktivität aber nur um 1,8 Prozent.

Was das für die bayerische M+E-Industrie, die im harten internationalen Wettbewerb steht, bedeutet, zeigen die drei Beispiele, die AKTIV auf dieser Doppelseite beschreibt.

Qualität: Bühler Motor will Forschung in Deutschland halten

Peter Muhr kommt schnell auf den Punkt: „Stark steigende Gehälter wären Gift für unser Geschäft“, sagt der Geschäftsführer des Mechatronik-Spezialisten Bühler Motor in Nürnberg. „Wir können nur die Produkte verkaufen, die wir gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt durchsetzen können“, betont er. „Und da geht es nicht allein um Qualität, sondern immer mehr um den Preis.“

Das Unternehmen stellt Klein-, Getriebemotoren und Pumpen her, vorwiegend für die Auto-Industrie. Es beschäftigt etwa 1.700 Mitarbeiter, davon rund 800 in Deutschland. Löhne und Gehälter machen ein Viertel der Kosten aus. Was für den Mittelständler besonders teuer ist: 80 Prozent der Personalausgaben fallen in der Entwicklung an, denn die sitzt überwiegend am Hochlohn-Standort Deutschland. Hier soll sie bleiben, auch wenn das Unternehmen inzwischen an einem Standort in den USA ebenfalls forscht.

Dazu kommt: Mittelfranken, der Stammsitz von Bühler, ist eine Region mit relativ hohem Lohnniveau. Das liegt unter anderem daran, dass sich hier viele Maschinenbau- und Elektronikfirmen sowie Automobilzulieferer um Fachkräfte bemühen. So verdient ein M+E-Beschäftigter zwischen Erlangen, Nürnberg und Ansbach knapp 52.000 Euro im Jahr.

Im Bundesdurchschnitt sind es gut 48.000 Euro. „Nur zum Vergleich: Im Nachbarland Tschechien liegt der Verdienst im Schnitt bei 11.095 Euro“, berichtet Muhr.

Um die Kosten zu dämpfen, dreht Bühler Motor an zwei Stellschrauben: Die Fertigung wird immer stärker automatisiert und eine wachsende Zahl von Produkten an Standorten im günstigeren Ausland produziert. Das Gros der Teile kommt inzwischen aus Tschechien, China und Mexiko.

„Wenn wir insgesamt den Wettbewerb um den günstigsten Preis nicht gewinnen können, müssen wir die besseren Produkte haben“, so Muhr. Zwischen 8 und 10 Prozent des Umsatzes steckt die Firma Jahr für Jahr in Forschung und Entwicklung. Das liegt über dem Schnitt von 4 Prozent in Bayerns M+E-Industrie. Bühler Motor schaffe das künftig nur, wenn die Löhne hierzulande nicht weiter stark zulegen, warnt Geschäftsführer Muhr.

Preisrutsch: Liebherr spürt Auswirkungen auf Investitionen

Liebherr Verzahntechnik in Kempten, ein Hersteller von Werkzeugmaschinen, machen nicht nur die im Vergleich zur Produktivität viel stärker gestiegenen Arbeitskosten zu schaffen. Aktuell muss das Unternehmen zudem eine abgeflaute Nachfrage verkraften. „Unser Auftragseingang ist in den ersten elf Monaten dieses Jahres um etwa 15 Prozent gesunken“, berichtet Geschäftsführer Friedrich Hesemann. Das Minus ergibt sich im Vergleich mit demselben Zeitraum des Vorjahres.

Die Personalkosten der Firma mit gut 1.000 Mitarbeitern machen fast 40 Prozent der gesamten Kosten aus. Das liegt über dem Durchschnitt in Bayerns M+E-Industrie von einem Drittel. „Lohnsteigerungen wirken sich für uns besonders stark aus“, erklärt Hesemann. „Schon in den letzten Jahren sind wir deswegen unter Druck geraten.“

Denn der Wettbewerb verschärft sich. Vor allem ausländische Maschinenbauer, die mit niedrigeren Kosten produzieren können, bringen die Preise auf dem Weltmarkt ins Rutschen.

Der Mix daraus und aus gestiegenen Arbeitskosten hat Folgen: In den letzten Jahren ging der Gewinn von Liebherr in Kempten zurück. „Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf unsere Investitionen“, betont Hesemann.

Ein hoher Lohnabschluss in der nächsten Tarifrunde würde den Spielraum weiter einengen – auch für Investitionen. „Wir wollen aber auf jeden Fall auch am Standort Deutschland wettbewerbsfähig bleiben“, so Hesemann.

Konkurrenz: Ecolab steht auch intern in einem harten Wettbewerb

Hohe Lohnsteigerungen wären auch für Ecolab Engineering im oberbayerischen Ort Siegsdorf ein Problem. „Wir sind Teil eines Weltkonzerns“, sagt Geschäftsführer Klaus Rutz. „Deshalb stehen wir nicht nur mit der Konkurrenz auf den internationalen Märkten im Wettbewerb, sondern auch intern mit anderen Standorten von Ecolab.“

In Siegsdorf produzieren 340 Mitarbeiter vor allem Dosierpumpen sowie Mess- und Regeltechnik. Die Komponenten werden meistens dort verbaut, wo es auf Sauberkeit und Hygiene ankommt: in Abfüllanlagen der Ernährungsindustrie, in Geschirrspülern von Großküchen oder in Krankenhäusern. Aber auch Wasserwerke sowie die Automobil-Industrie gehören zu den Kunden der Firma.

Rund die Hälfte des Geschäfts machen Lieferungen für die Schwesterfirmen im Ecolab-Konzern aus, ein Unternehmen mit 11 Milliarden Euro Jahresumsatz. Doch selbst diese Aufträge sind nicht sicher.

In einem Werk in den USA etwa werden viele Bauteile hergestellt, die auch in Siegsdorf produziert werden. Regelmäßig gibt es einen Vergleich von Qualität und Kosten – und keiner will ins Hintertreffen geraten. Erst kürzlich ging den Oberbayern ein interner Auftrag durch die Lappen. Den Zuschlag bekam ein italienischer Standort, weil er günstiger war. „Das tat weh“, sagt Rutz.


Fakten

Das Konjukturbild hat sich im Herbst eingetrübt

  • Bayerns Metall- und Elektroindustrie hängt in einem Stimmungstief fest. Der vom Münchner Ifo-Institut ermittelte Geschäftsklimaindex des Wirtschaftszweigs sank im Oktober den fünften Monat in Folge. Mit einem Punktewert von minus 1 war er zum ersten Mal seit Dezember 2012 wieder negativ (Grafik rechts).
  • Die Beurteilung der aktuellen Lage ging auf plus 12 Punkte zurück, von plus 16 Punkten im September 2014. Die Erwartungen sanken von minus 11 auf minus 12 Punkte.
  • Ursachen dafür sind die geopolitischen Risiken, zum Beispiel in Russland und der Ukraine, die labile Konjunktur in der Euro-Zone und das abgeschwächte Wachstum in Schwellenländern.
  • In der gesamten bayerischen Wirtschaft zeigen Lage und Erwartungen wegen der eingetrübten Konjunktur eine abwärts gerichtete Tendenz. Das signalisiert der vbw-Index der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Die Unternehmen haben vor allem ihre Prognosen nach unten korrigiert – sowohl auf das Umsatzwachstum bezogen als auch auf ihre Pläne für die Beschäftigung.
  • Die vbw erwartet, dass die Wirtschaftsleistung in Bayern im Gesamtjahr 2014 um 1,7 Prozent höher liegt als 2013, in ganz Deutschland um 1,2 Prozent. Vor einem halben Jahr hatte die Vereinigung noch mit einem Plus von 2,2 Prozent und 1,7 Prozent gerechnet.

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