Ab in die Ferne

Welche Erfahrungen eine deutsche Bosch-Auszubildende in China gesammelt hat

Bamberg. Mal längere Zeit in Asien arbeiten? Wo andere zögern würden, braucht Julia Seidling (20) keine Sekunde für ihre Antwort. „Na klar“, sagt die angehende Mechatronikerin, „kann ich mir sehr gut vorstellen.“

Die Auszubildende von Bosch in Bamberg weiß sehr genau, was sie in Fernost erwarten würde. Erst Ende August kam sie aus China zurück. Im Bosch-Werk in Nanjing lernte sie sechs Wochen lang den Arbeitsalltag chinesischer Kollegen und das Land kennen. Es hat ihr gefallen: „Heimweh hatte ich nie“, sagt sie.

37 Auszubildende und 15 Studenten von Bosch in Bamberg waren dieses Jahr für einige Wochen im Ausland. Neben China hießen die Ziele unter anderem Indien, Vietnam und Frankreich. Rund die Hälfte des Jahrgangs war unterwegs. Bosch zahlte Anreise, Unterkunft und Verpflegung.

„Als globales Unternehmen wollen wir die Mobilität der Mitarbeiter fördern“, sagt Franz Hubert, Ausbildungsleiter von Bosch in Bamberg, wo rund 7.500 Beschäftigte vor allem Einspritzventile und Zündkerzen fertigen. Weil die Bamberger sich ständig mit 19 Partnerwerken in elf Ländern austauschen, sind Mitarbeiter wichtig, die international arbeiten können.

Seidling ist immer noch begeistert von ihrem Trip nach Fernost. „So eine Chance bekommt man ja nicht so schnell“, sagt die Auszubildende, die noch bei ihren Eltern wohnt. So weit und so lange war sie noch nie allein von daheim weg. Das prägt.

Selbstständiger werden, Selbstbewusstsein tanken, Erfahrungen in fremden Ländern sammeln – was für Bamberger Bosch-Azubis seit Jahren selbstverständlich ist, kommt bundesweit immer mehr in Mode. 30.000 Auszubildende haben laut dem Bildungsministerium im vergangenen Jahr ihre Koffer gepackt. Zwei Drittel von ihnen wurden dabei vom europäischen Austausch-Programm „Leonardo da Vinci“ unterstützt – doppelt so viele wie 2009.

Außer der persönlichen Entwicklung hat so ein Aufenthalt ganz praktische Vorteile. „Mein Englisch ist definitiv besser geworden“, sagt Seidling. Deutsch sprachen im Werk nur ganz wenige Mitarbeiter – und vier weitere Azubis aus Bamberg, die mit ihr in China waren. Mit ihnen logierte sie in zwei Wohnungen in einem Neubauviertel.

Morgens ging es in 20 Minuten mit dem Werkbus zur Arbeit. Dort entwickelte die Auszubildende Wartungspläne für Maschinen. „Die gab es da bislang noch nicht“, erzählt sie und ist noch heute verwundert. „Bei uns ist das eine Selbstverständlichkeit, dort wurde vorher nach Gefühl gewartet.“

In den Vorgaben musste exakt beschrieben sein, welche Tücher und welche Reiniger zu verwenden sind. „Die chinesischen Kollegen brauchen immer ganz genaue Anweisungen“, berichtet Seidling. „Bei uns in Bamberg weiß dagegen jeder Mitarbeiter selbst, wie er zu reinigen hat.“

Auch die Arbeitsweise in China hat die Deutsche überrascht. „Wenn es dort heute nicht fertig wird, dann eben morgen – so was gibt es hier nicht.“ Dafür bleibt ihr die große Freundlichkeit der Menschen in guter Erinnerung. „Gerade die Jüngeren waren sehr an uns interessiert.“

Auf Ausflügen, unter anderem zur Chinesischen Mauer und nach Peking, hat sich dieser Eindruck verfestigt. Immer wieder kam Seidling mit Wildfremden ins Gespräch. „Deutsche scheinen in China sehr angesehen und beliebt zu sein“, stellt sie erfreut fest.

Armut und Zensur beobachtet

Während langer Zugfahrten hat Seidling allerdings auch die negativen Seiten von China gesehen: Armut und Elend. Die hygienischen Verhältnisse seien vielerorts eine Katastrophe gewesen.

„Seit meiner Zeit dort schätze ich wieder mehr, was ich an Deutschland habe“, sagt sie und meint neben ihrem Wohlstand auch ihre politische Freiheit. „Bei uns gibt es keine Zensur und ich kann jede Internetseite öffnen. Das war in China nicht möglich.“

Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?
Ich wollte schon immer etwas Technisches machen. Bereits als kleines Mädchen habe ich meinem Opa beim Reifenwechseln geholfen. Mein Vater arbeitet auch in der Industrie – bei Bosch.

Was reizt Sie am meisten?
Ich bekomme zügig eine Rückmeldung. Egal ob ich etwas baue, einen Fehler behebe oder ein Problem löse: Es ist ziemlich schnell klar, ob mein Weg funktioniert.

Worauf kommt es an?
Damit alles reibungslos abläuft, muss ich sehr genau arbeiten und zuverlässig sein.


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