Soziales Engagement

Was die Betriebe im Norden für die Flüchtlinge tun

Kuscheltiere statt Kabinentüren, Kleiderkammer statt Montagehalle – 150 Azubis und Dual-Studenten des Flugzeugbauers Airbus helfen seit Anfang September in den Hamburger Messehallen bei der Sortierung und Verteilung von Hilfsgütern für Flüchtlinge. Über 1.000 Arbeitsstunden kamen so schon zusammen.

Die Menschen, denen dieses Engagement gilt, leben wenige Meter weiter, in der 13.000 Quadratmeter großen Halle B6. Hier befindet sich eine der zahlreichen Erstaufnahme-Einrichtungen, die von der Stadt Hamburg geschaffen wurden.

Für den Airbus-Nachwuchs ist dieser Einsatz eine Erfahrung, die wohl noch lange nachwirken wird. „Wenn man sich in diese Menschen hineinversetzt, die wirklich alles verloren haben, weiß man erst, wie gut es einem geht – mir ist ganz flau im Magen geworden“, sagt Julius Malchus, der eine Lehre als Fluggerätmechaniker macht.

Seine junge Kollegin Nina Lange sieht es ähnlich. „Wir werden hier echt gebraucht“, sagt die angehende Elektronikerin, während sie Kinderjacken und Hosen stapelt. „Wir zeigen den Flüchtlingen, dass sie nicht allein und willkommen in Deutschland sind. Ich glaube, alle sind dankbar, dass wir da sind.“

Offizielle Institutionen sind mit dem Andrang oft überfordert

Das stimmt, denn für die Bewältigung der anstehenden Arbeit wird momentan jede Hand gebraucht. Die offiziellen Institutionen sind mit dem Andrang der Flüchtlinge schlicht überfordert. Allein in diesem Jahr wird nach Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel fast eine Million Menschen aus Krisengebieten nach Deutschland kommen. Und viele von ihnen landen früher oder später im Norden, entweder vorübergehend, weil sie weiter nach Skandinavien wollen, oder auch auf Dauer.

Für alle, die kommen, müssen Unterkünfte organisiert werden, manchmal innerhalb weniger Tage. Dafür braucht man gut ausgebildete Einsatzkräfte mit viel Erfahrung.

Eine Zeltstadt für 500 Personen in nur drei Tagen aufgebaut

Männer wie Tomas Sanders zum Beispiel. Tagsüber arbeitet der 47-Jährige beim Rettungsdienst der Papenburger Meyer Werft, nach Feierabend ist er Einsatzdienst-Leiter der Malteser Bockhorst/Rhauderfehn. Er wurde gerufen, als unlängst in Celle ein Sonderzug mit Flüchtlingen erwartet wurde.

Rund 72 Stunden blieben Sanders und seinem Team, um alles zu beschaffen, was 500 Menschen zum Leben brauchen. Etwa 60 Zelte mit Holzfußboden mussten aufgebaut werden, dazu rund 40 Dixi-Toiletten und Duschmöglichkeiten in ausreichender Zahl. Das ambitionierte Vorhaben gelang – als die ersten Flüchtlinge eintrafen, war alles fertig. Sanders: „Es ist nur eine vorübergehende Unterkunft, aber wir sind stolz, dass wir das rein ehrenamtlich geschafft haben.“

Auch sein Arbeitgeber engagiert sich. Die Meyer Werft will ihre Kooperation mit dem regionalen Bildungsträger Johannesburg erweitern, um Flüchtlingen eine Chance zur beruflichen Qualifizierung zu geben.

Ähnliches findet im schleswig-holsteinischen Ort Rellingen statt, wo das Unternehmen Crown Technologies seinen Sitz hat. Geschäftsführer Heiko Busse: „Aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen gibt es hier einen erhöhten Bedarf an Sprachkursen. Daher haben wir unsere Unterstützung im Rahmen der Flüchtlingshilfe aufgestockt und beteiligen uns mit 5.000 Euro an den Sprachkursen in der Gemeinde.“

Hydro will zusätzliche Lehrstellen schaffen

Bei Gestra in Bremen trafen sich auf Initiative der Personalabteilung mehr als 20 Mitarbeiter, um über Hilfsaktionen für Flüchtlinge nachzudenken. Personalleiter Jens Höft: „Von Sachspenden bis zur persönlichen Betreuung von Flüchtlingen haben wir bereits jede Menge Ideen gesammelt.“

Die Mitarbeiter wollen unter anderem Kleidung und Schuhe sammeln, aber auch Behördengänge mit Flüchtlingen machen und ihnen beim Erlernen der deutschen Sprache helfen. Die Firma erwägt zudem, ihre Ausbildungswerkstatt tageweise für interessierte Flüchtlinge zu öffnen und ihnen so die Metallbearbeitung nahezubringen.

Sammelaktionen für Kleidung gibt es auch in Hamburg, zum Beispiel beim örtlichen Werk des Aluminiumkonzerns Hydro. Außerdem schafft das Unternehmen in Hamburg und anderen Städten insgesamt acht zusätzliche Lehrstellen für Flüchtlinge. Personalleiter Joachim Deppe: „Wir leisten unseren Beitrag, um Flüchtlingen eine berufliche Perspektive in unserem Unternehmen zu eröffnen.“

Genehmigungs-Marathon für einen syrischen Praktikanten

Hydro Hamburg hatte bereits im Sommer einen Praktikanten aus Syrien beschäftigt. Ganz einfach war das allerdings nicht. Firmensprecher Michael Peter Steffen: „Es brauchte viele Gespräche und Formulare, um die notwendigen Genehmigungen für sein Praktikum zu bekommen.“

Und auch in der Nachbarschaft des Hamburger Walzwerks finden sich zahlreiche Initiativen. Eine der aktivsten ist der Verein „Der Hafen hilft“, gegründet von der Ingenieurin Anja van Eijsden, die lange bei Blohm + Voss beschäftigt war.

„Die Welle der Solidarität, die wir derzeit erleben, ist wirklich großartig“, sagt Anja van Eijsden. „Es ist eine enorme Herausforderung, diesen vielen Menschen zu helfen, aber wir tun, was wir können.“


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