Moderne Kunststoffe

Was Designer in einer Chemie-Fabrik tun

Ludwigshafen. Zufrieden dreht und wendet Andreas Mägerlein einen eleganten schwarz-weißen Stuhl. Das Modell heißt „Belleville“. Damit landeten französische Designer kürzlich ihren neuesten Coup für den Möbelhersteller Vitra.

Mägerlein und sein Team waren daran beteiligt. Die Experten arbeiten in einem kunterbunten Studio – mitten im Stammwerk des Chemiekonzerns BASF. Es heißt „designfabrik“; der Weg dorthin führt vorbei an dampfenden Rohrleitungen, an Containern, Tanklastwagen, es grüßen Arbeiter mit Schutzhelm.

Viele ahnen nicht, was moderne Kunststoffe alles können

Künstler vermutet man hier nicht. Doch genau dort, zwischen den hohen Industrieanlagen, lassen sich seit 2006 die weltbesten Gestalter beraten. Was für ein Know-how kann ihnen eine Chemiefabrik bieten? „Wir zeigen ihnen, was man mit modernen Kunststoffen alles machen kann“, berichtet Mägerlein. Er ist selbst vom Fach, Ingenieur und Designer. „Wir sind eine Art Dolmetscher“, sagt er.

Viele Gestalter wissen nicht, wie stabil, belastbar und fließfähig moderne Kunststoffe sind. „Sie liefern in ihren Entwürfen Formen und Farben, haben aber nicht immer die passende Vorstellung vom Material“, ergänzt Designerin Eva Höfli, seit fünf Jahren im BASF-Team, „wir inspirieren sie.“

Im Studio können die Kunden Muster anfassen und testen. Die Rede ist von Hochleistungskunst- und -schaumstoffen mit Namen wie Zungenbrecher, zum Beispiel Polybutylenterephthalat, Polyurethan oder Polyisocyanurat. Ob flexibel, hart, rau oder glatt: Die Vielfalt ist enorm. Allein über 30 Markennamen wie „Ultradur“ und „Ultramid“ haben die Ludwigshafener Experten im Angebot, Varianten davon nicht eingerechnet.

Egal, wie extravagant die Skizzen sind – kurvige Stuhllehnen und schwingende Sitzflächen dürfen beispielsweise nicht brechen, Beine nicht einknicken. „Simulationen am Computer helfen uns, die Bauteile zu prüfen, bevor sie existieren“, erläutert Mägerlein. Wandstärken, Winkel und Anspritzpunkte werden ermittelt, damit sich die Kräfte ideal verteilen.

Anwendungstechniker sitzen mit am Tisch. Zuletzt liefert die BASF das Granulat direkt an die Möbelhersteller. So entstanden der neue Vitra-Hit „Belleville“ und bereits 2008 der Stuhl „Vegetal“. Star-Designer Konstantin Grcic wiederum realisierte mit der BASF den Stuhl „Myto“ (2007). Und schon die Serienfertigung des Pop-Art-Klassikers „Panton Chair“ gelang 1967 nur mit speziellem Thermoplast.

Auch andere Branchen klopfen bei den Profis in Ludwigshafen an. Automobilhersteller holen sich Rat, ebenso Designer von Sportschuhen, Kühlschränken, Fahrrädern und Smartphone-Displays. „Fast jeder Gegenstand in unserem Alltag wird von einem Produkt- oder Industriedesigner entworfen“, betont BASF-Expertin Höfli.

Das Konzept am Stammsitz bewährt sich weltweit. In Tokio eröffnete 2014 das erste Studio außerhalb Europas. 2016 soll Schanghai folgen.


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