Skurriler Papierboot-Wettbewerb

Was bringt Schiffeversenken unserer Wirtschaft?


Rostock. Es gibt keine Rettung mehr, er weiß es, das Schiff ist verloren. Und Wolfgang Böttcher schließt die Augen: Er will nicht sehen, was jetzt passiert.

Die Fluten zerquetschen den Bug seiner stolzen „Königswasser“, unter dem Druck des kalten Nasses kollabieren die Verstrebungen, ein paar Sekunden Todeskampf noch, dann sinkt das Schiff wie ein Stein. Wochen der Vorbereitung, ungezählte Stunden des Tüftelns und Klebens im Kinderzimmer – einfach abgesoffen. Für den 14-jährigen Wolfgang, Gymnasiast aus Rostock, ist das zu viel. „Oh, ganz schlecht, ganz, ganz schlecht“, stammelt er, dann greift er seinen Rucksack, stürmt hinaus und flüchtet per Fahrrad.

Junge, möchte man ihm hinterherrufen, bleib mal locker, was ist denn groß passiert: Es war doch bloß ein Schiffchen, aus rotem Butterbrotpapier! Wolfgang, komm doch zurück!

Nun gut. Wolfgang kommt zwar nicht mehr, macht aber nichts, sind auch so noch genug Freaks hier an Bord: beim „16. Internationalen Papierschiff-Wettbewerb“, ausgerichtet von der Universität Rostock, Fakultät Maschinenbau und Schiffstechnik.

Erlaubt sind nur zehn Gramm Eigengewicht

Papierschiff-Wettbewerb? Ja, sowas gibt’s. Gut zwei Dutzend Papierschiff-Bastler, die meisten von ihnen Schüler im Clearasil-Alter, haben sich an diesem warmen Apriltag im Foyer des Hörsaalgebäudes eingefunden. In einer Ecke steht ein Tischchen mit Cola und Salzstangen, doch kaum einer isst was: zu spannend, was da auf dem kleinen hölzernen Podium passiert.

Mit heiligem akademischem Ernst werden dort Papierschiffe versenkt. Eins nach dem anderen, dieser Wettbewerb kennt nur ein Ziel – den Untergang.

Die Regeln sind schnell gemorst: Teilnehmen können Schiffe aus Papier, gefaltet, geklebt, versehen mit Zugbändern und Verstrebungen aus Papier, alles egal, Hauptsache, die Bötchen wiegen nicht mehr als zehn Gramm. Die Schiffe werden nacheinander vorsichtig in einem Aquarium zu Wasser gelassen und mit Bleikügelchen beladen. Der Papier-Pott, der am meisten Blei schlucken kann, bevor er schließlich doch auf Tauchfahrt geht, gewinnt!

Sagen wir’s mal so: Was zunächst nach reichlich verkopfter Pennäler-Bespaßung klingt, hat einen ernsten Kern: „Mit unserem Wettbewerb wollen wir Schüler auf spielerische Art für Naturwissenschaften begeistern“, sagt Professor Robert Bronsart, Leiter des Lehrstuhls Schiffbau. Damit sie, im besten Falle, später dann gleich ganz im Technik-Hafen vor Anker gehen – und eine Ingenieurslaufbahn einschlagen.

Skurrile Wettbewerbe als Mittel zur Nachwuchssicherung – an deutschen Hochschulen hat das durchaus Tradition. In Wismar werden seit Jahren Papierbrücken gebaut, die möglichst viele Kilos tragen sollen. In Nürnberg basteln Nachwuchs-Konstrukteure einmal im Jahr emsig Kuppeln oder Masten aus Nudeln (Material: ein Pfund Pasta, dazu Kleber nach Wahl!). Und schon legendär sind die „Robocups“, die Weltmeisterschaften Fußball spielender Roboter.

Auch die Industrie spielt mit: So sponsert der Bundesverband der Deutschen Zementindustrie alle zwei Jahre eine „Betonkanu-Regatta“ in Zusammenarbeit mit einer Handvoll Hochschulen.

Die „Moritz“ trägt über drei Kilo Blei

Auffällig dabei: Die meisten Wettbewerbe wurden Mitte der 1990er-Jahre ins Leben gerufen. In einer Zeit also, als Ingenieurstudiengänge noch als schwer vermittelbar galten.

Auch in Rostock sah’s damals finster aus: „Als sich nur zwei Studienanfänger für den Hauptstudiengang Schiffbau einschrieben, mussten wir einfach was tun“, erinnert sich Professor Bronsart.
Heute zählt der Lehrstuhl wieder gut 50 Erstsemester. Und der Papierschiff-Contest, nun ja, der brummt. 136 Schiffchen werden sie am Ende des Tages geschrottet haben. Der Sieger: die „Moritz“, ein Schiff mit ausgeklügelter Spantenkonstruktion, geht erst mit über drei Kilo Blei auf Grund.

Gymnasiast Wolfgang Böttcher war da, wir sprachen drüber, schon frustig auf dem Heimweg. Daher auf diesem Weg: Wolfgang, ab 2020 gehen nach Auskunft sämtlicher Experten jedes Jahr mehr Ingenieure in Rente als von den Unis nachrücken. Wolfgang, wir brauchen dich! Komm zurück! Bitte!

Details zum Wettbewerb: paperboat.de

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Fakten

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• 2011 erwarben rund 57.000 Studenten einen Abschluss in einem Ingenieursstudiengang. Zehn Jahre zuvor waren es nur 33.000.

• Im März standen laut dem Verein Deutscher Ingenieure 70.000 offenen Stellen knapp 28.000 arbeitslose Ingenieure gegenüber.

• Laut einer aktuellen Studie leisten die derzeit etwa 1,6 Millionen in Deutschland arbeitenden Ingenieure einen Wertschöpfungsbeitrag von 197 Milliarden Euro.

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