Globalisierung

Warum wir so viel exportieren


Zahlreiche Firmen könnten sonst kaum überleben – Beispiel Stihl

Waiblingen. Mit ein paar präzisen Handgriffen setzt Joachim Dangelmaier den Kolben in den Zylinder ein. Jetzt passt es! Fertig ist das Herz des Motors, der das Gerät zum Laufen bringt. „Alle wollen hier ihr Bestes geben“, sagt Dangelmaier. „Schließlich bauen wir für 160 Länder.“

Der Sägen-Spezialist Stihl in Waiblingen bei Stuttgart: Einer von Tausenden deutschen Mittelständlern, die mit viel Liebe zum Detail ihre Nische im Weltmarkt gefunden haben. Seit 85 Jahren ist man im Geschäft; heute werden 90 Prozent der deutschen Produktion exportiert. Wie kommt das?

Der deutsche Markt ist zu klein

Bertram Kandziora, der Vorstandschef, formuliert das im Gespräch mit AKTIV so: „Es ist die Kombination aus maximaler Haltbarkeit, maximaler Leistung, minimalem Gewicht und geringer Umweltbelastung. Das können nur ganz wenige Hersteller leisten.“

Stihl ist die meistverkaufte Motorsägen-Marke der Welt: Jedes dritte Gerät ist eine Stihl-Säge. Ohne Export könnte die Firma nicht existieren – der deutsche Markt für Profi-Geräte wäre viel zu klein. Kandziora reagiert deshalb empfindlich, wenn der deutschen Wirtschaft von anderen EU-Staaten immer wieder vorgehalten wird, sie würde im Verhältnis zur Einfuhr zu viel ins Ausland liefern.

Der hohe Export-Überschuss, so lautet die Begründung, schade dem Gleichgewicht in Europa. Im Entwurf für den künftigen Euro-Stabilitätspakt schlägt das EU-Parlament sogar vor, dass ein übermäßiger Export-Überschuss bestraft werden kann. „Wer gut ist, soll schlechter werden?“, wundert sich Kandziora. „Das kann kein Masterplan für Europa sein!“

Auch den Vorwurf, unsere Industrie würde nur dank zu niedriger Löhne so viel ins Ausland verkaufen, lässt der Stihl-Chef nicht gelten: „Wir haben mit hohen Lohn- und Lohnzusatzkosten zu kämpfen, müssen daher technisch ganz vorn sein.“ Die Exportkraft künstlich zu schwächen, würde viele Betriebe in eine existenzielle Krise stürzen.

Dass man Staaten für zu viel Schuldenmachen bestraft, ist ja in Ordnung. Aber für zu viel Export? „Das ist Unfug.Wer so etwas fordert, hat das Grundprinzip der Markwirtschaft nicht verstanden.“

Was macht Stihl so viel besser als die Konkurrenz? Kandziora betont die „hervorragenden Ingenieure und Facharbeiter“: Hier kann der deutsche Maschinenbau mit einer über 100-jährigen Industrie- und Tüftler-Tradition punkten.

Größe an sich ist ein Muss

Damit aus dem eigenen Unternehmen wirklich nur das Feinste kommt, werden bei Stihl alle wichtigen Teile auch selbst hergestellt – bis zur Mag­nesium-Legierung für die Gehäuse. Zum Erfolg trägt auch das „Standort-Mix-Prinzip“ bei, wie Kandziora es nennt: Die Stihl-Gruppe fertigt die meisten Geräte in ihren ausländischen Fabriken, etwa in den USA, dem wichtigsten Markt für Motorsägen.

Dort entstehen die einfacheren und preisgünstigeren Modelle, die in Deutschland für den amerikanischen Markt nicht rentabel gebaut werden könnten.

Denn Größe an sich ist in diesem Markt ein Muss: Bei einem Jahresumsatz von über 2 Milliarden Euro kann Stihl es sich leisten, jährlich allein 100 Millionen Euro in die Entwicklung neuer Geräte zu investieren.

Zudem macht die globale Aufstellung weniger anfällig für Risiken. Das wusste schon Firmengründer Andreas Stihl: Als er 1929 seine erste Benzinmotorsäge auf den Markt brachte, rutschte Deutschland gerade in die Mega-Wirtschaftskrise. Stihl suchte nach Absatzmärkten im Ausland und erschloss sich in den 30er-Jahren Russland, Kanada und die USA. Globalisierung als Erfolgsrezept: Es funktioniert bis heute.


 

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