Extra-Chancen mit Exoten-Jobs

Warum sich junge Leute für seltene Ausbildungsberufe entscheiden


Drehen, fräsen, Kabel verlegen: Entscheiden sich Schüler für einen Metall- und Elektro-Beruf, wählen viele weithin Bekanntes. So gibt es in Bayern 10.000 angehende Industriemechaniker, knapp 5.000 Mechatroniker und 3.000 Elektroniker für Betriebstechnik. Doch jenseits der Favoriten finden sich spannende Nischen.
AKTIV stellt Ausbildungsberufe vor, die jedes Jahr nur ein paar Dutzend Jugendliche in Bayern lernen.

Mit Geschick: Michaela Hammon kontrolliert als Modellbauerin mit einem Tiefenmaß die Formen für die späteren Gussteile des Pumpen- und Armaturenherstellers KSB. Foto: Karmann

Geschliffen

Modellbauerin Michaela Hammon erlebt Abwechslung in der Gießerei

Pegnitz. Wenn Bier gebraut oder Flüssiggas transportiert wird, kann das an der Vorarbeit von Michaela Hammon liegen. Denn die 22-Jährige fertigt für KSB Modelle und Prototypen, unter anderem von Pumpen, die beim Herstellen von Nahrungsmitteln helfen, und von Absperrklappen, die sogar unter extremer Kälte oder Hitze ihren Dienst tun.

Im fränkischen Werk des Pumpen- und Armaturenherstellers KSB in Pegnitz hat sie nach ihrem qualifizierenden Hauptschulabschluss 2010 ihre Lehre zur technischen Modellbauerin, Fachrichtung Gießerei, beendet: „Das Tolle ist, man macht nie dasselbe.“

Die Materialien haben es ihr angetan: Holz, Kunststoffe und Metall. Aus ihnen fräst, schneidet und sägt Hammon mit ihren 27 Kollegen, darunter 5 Azubis, die Modelle. Von diesen werden Teile in Stahl, Gusseisen oder Bronze gegossen. Sie haben wenige Zentimeter bis drei Meter Länge.

Weil die Gussteile im Negativverfahren produziert werden, also spiegelverkehrt, braucht Hammon viel räumliche Vorstellungskraft. „Das nehmen uns auch immer mehr Computerprogramme nicht ab“, sagt Josef Kaul, ihr Ausbilder und nun ihr Chef, mit der Erfahrung von 39 Berufsjahren.

Zeichnungen von Hand und am Computer

Ein Modellbauer prüft, ob seine Konstruktionszeichnungen am PC von den Maschinen korrekt umgesetzt werden, oder legt selbst Hand ans Material an. Ob Entwurf und Modell zusammenpassen, kontrolliert er dann etwa mit Messschiebern. Logisches Denken, Präzision, Hartnäckigkeit und Geschick sind für den Beruf wichtig. „Einfach viel handwerklich ausprobieren“, meint Hammon. Selbst mit Meißel und anderem spitzem Werkzeug hat sie sich keine blutigen Finger geholt, „nicht einmal in den allerersten Wochen.“

Anfangs fand sie den zweiwöchigen Blockunterricht schwierig. Da die Berufsschule 100 Kilometer entfernt ist, zahlte ihr die Firma einen Platz im Wohnheim vor Ort. „Man gewöhnt sich aber schnell daran, auch mal von Daheim weg zu sein.“

Mit Nadel, Faden und Schere: Die angehende Fahrzeugsattlerin Maria Stangl fertigt Cabriodächer von Webasto-Edscha. Foto: Schulz

Schnittig

Fahrzeugsattlerin Maria Stangl zeigt Ausdauer am Cabrio

Hengersberg. Dass sich Cabriofahrer ein Dach über den Kopf ziehen können, verdanken sie Fahrzeugsattlern wie Maria Stangl. Sie dämmt ein Autoverdeck mit Watte, näht einen Stoffstreifen als Regenrinne an oder schweißt und klebt das Heckfenster ein.

Stangl begann 2011 als Einzige in Bayern die Ausbildung zur Fahrzeugsattlerin im niederbayerischen Werk von Webasto-Edscha. Dort entwickeln und fertigen 600 Mitarbeiter Cabrio-Dachsysteme, darunter Luxus-Stoffverdecke sogar von Hand.

Chance auf Übernahme ist exzellent

Das ist eine Besonderheit in der Automobilbranche, die viel von Maschinen erledigen lässt. „Einen Exotenberuf zu haben, das stört mich gar nicht“, sagt die 20-jährige Auszubildende selbstbewusst. „Das gefällt mir sogar.“ Die Realschul-Absolventin beendete zwar ihre Lehre zur Lebensmittelverkäuferin, sattelte dann aber auf die Lehre beim Cabriodach-Hersteller um.

„Der Sattler hat ein altes Image, ist aber in der Fachrichtung Automobil ganz modern“, stellt Ausbildungsleiter Anton Schied klar. „Wir bilden nach einer Pause seit 2008 wieder selbst ein bis zwei Lehrlinge alle zwei Jahre in diesem Beruf aus, um uns Spezialisten maßzuschneidern – und sie zu halten.“

Deshalb sind Stangls Übernahmechancen exzellent. Ihren Schwenk von der Kasse zur Nähmaschine hat sie nie bereut. „Dabei war Nähen Neuland für mich.“ Es macht etwa 30 Prozent aller Arbeitsschritte aus.

Wichtig sind eine ruhige Hand, der genaue Blick – und Ausdauer: „Manche Spezialnaht dauert Stunden“, erklärt Stangls Fachausbilder und Abteilungsleiter Lorenz Müller. Er hat je zur Hälfte Männer und Frauen im Team. Als Patin für Schülerpraktikanten stellt Stangl fest: „Jungs sind genauso geschickt.“

Mit Bedacht: Thomas Rechenauer taucht Bauteile von Kathrein in Chemikalien. Foto: Schulz

Veredelt

Thomas Rechenauer trägt Verantwortung als Oberflächenbeschichter

Rosenheim. Daran, dass Handy oder TV-Sendemast funktionieren, hat oft Thomas Rechenauer (19) Anteil: Er beschichtet Antennen oder Bauteile der Firma Kathrein in Rosenheim hauchdünn mit Silber, Kupfer, selten Gold, damit sie Strom besser leiten.

Dafür taucht er als Oberflächenbeschichter die Bauteile in Becken mit Chemikalien: „Man muss sehr sorgfältig sein, weil die Säuren stark ätzen.“ Schutzkleidung ist daher Pflicht, aber gewissenhaftes Arbeiten des Hauptschulabgängers kann sie nicht ersetzen.

Handarbeit macht etwa 70 Prozent in Rechenauers Ausbildung aus, die parallel zum Normalbetrieb in der Galvanik-Abteilung von Kathrein läuft. Werden Großserien produziert, bedient er auch computergesteuerte Maschinen.

Von Chemikalien bis Trinkwasser

Das Veredeln der Oberflächen ist das eine, das Ansetzen der Lösungen, Aufbereiten, Neutralisieren und Entsorgen der Flüssigkeiten das andere. Denn Abwasser, auch aus dem Werk, muss Trinkwasserqualität haben, wenn es ins Kanalnetz gelangt.

„Das ist ein Job mit Verantwortung“, betont Ausbildungsleiter Alfred Thunig. Er sucht alle drei Jahre zwei Lehrlinge im Beruf Oberflächenbeschichter. Schwierig, weil Jugendliche höchstens den verwandten Handwerksberuf „Galvaniseur“ kennen. Kathrein übernimmt jeden Azubi bei guten Leistungen. Denn das Beschichten ist ein entscheidender Produktionsschritt, der eigenes Personal verlangt.

Wenn nach einem Info-Abend in der Schule und einer Woche Praktikum die Chemie stimmt, steigen die jungen Leute ein – und auf: Kathrein fördert das Weiterlernen. Wie bei Rechenauers Vorgänger Felix Grimmer (21), der auf der Technikerschule ist und später Schichtführer oder Ausbilder werden könnte.

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Info: Berufstest

Mit ein paar Klicks zum richtigen Beruf: Zwei interaktive Tests zeigen Jugendlichen ihre Stärken.

www.ausbildungsoffensive-bayern.de

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Bahnhofsplatz 1
91257 Pegnitz

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