Köpfchen statt Muskeln

Warum Firmen über ihren Bedarf hinaus ausbilden


Marl. Die Anstrengung hat sich gelohnt für Katharina Häusgen: Bis 2011 hat sie bei Sabic Polyolefine in Gelsenkirchen eine Ausbildung zur Chemikantin absolviert. Anschließend gab’s einen befristeten Vertrag. 2012 bewarb sie sich beim PVC-Hersteller Vestolit in Marl auf eine feste Stelle. Mit Erfolg.

„Muskeln sind in der Industrie nicht mehr gefragt. Sondern Köpfchen“, sagt die 25-Jährige. Ohne eine gute Ausbildung habe man „gar keine Chance“.

Das sind schlechte Aussichten für die 21.000 Jugendlichen, die in diesem Jahr bei der Suche nach einer Lehrstelle auf der Strecke blieben. Um Perspektiven zu bieten, bilden Chemie-Firmen seit Jahren über Bedarf aus, trotz der Kosten von bis zu 30.000 Euro pro Platz und Jahr. Bereits 2003 verpflichteten sich die Arbeitgeber im Tarifvertrag „Zukunft durch Ausbildung“, eine bestimmte Zahl an Azubi-Plätzen anzubieten. Mit Ausnahme der Krisenjahre 2009 und 2010 wurde diese Zahl immer übertroffen.

27.000 Auszubildende gibt es derzeit in der Chemie

Der Elan könnte nachlassen. Denn die Gewerkschaft will, dass Azubis schon zu Beginn eine Stellenzusage erhalten. „Dann strengt sich ja keiner mehr an“, wundert sich Chemikantin Häusgen. Die Arbeitgeber sind besorgt: „Die Übernahme-Entscheidung muss in der Verantwortung der Unternehmen bleiben“, so Dirk Meyer, Geschäftsführer Bildung, Wirtschaft, Arbeitsmarkt beim Bundesarbeitgeberverband Chemie in Wiesbaden. „Jeder tarifliche Zwang würde dazu führen, dass weniger ausgebildet wird.“

Das befürchtet auch der Mittelständler Brüggemann in Heilbronn, der seit Jahren mit überdurchschnittlicher Quote ausbildet: „Unser Fokus liegt auf der Qualität und der Vielfalt der Ausbildung in unserem Haus“, so Personalreferent Steffen Augustin. „Wären wir künftig verpflichtet, allen Azubis von Anfang an eine Zusage auf eine spätere Festanstellung zu geben, könnte das zu Abstrichen am Ausbildungskonzept führen.“

Eine Entwicklung, die weder Schulabgänger noch Politiker freuen dürfte: „Gerade im industriellen Bereich ist die Zahl der Ausbildungsplätze in diesem Jahr leider rückläufig“, berichtet der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider. Er lobte den Spezialchemie-Konzern Evonik, der bundesweit mehr als 2.300 junge Menschen ausbildet. Evonik leiste „über den eigenen Bedarf hinaus“ einen „wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung“.

„Diese Ausbildung wollte ich unbedingt machen“

Den leistet auch der Arzneimittel-Hersteller Sanofi in Frankfurt. Dort und am Berliner Standort lernen aktuell 442 Frauen und Männer. „Grundsätzlich möchten wir diesen jungen Menschen auch eine berufliche Perspektive bieten“, sagt Emmanuel Siregar, Geschäftsführung Personal. „Wir nehmen aber unsere gesellschaftliche Verantwortung ernst und bilden im Zweifel über Bedarf aus.“

Davon profitiert Désirée Hofmann, angehende Fremdsprachenkorrespondentin und Bürokauffrau bei Sanofi: „Diese Ausbildung wollte ich unbedingt machen“, sagt sie. „Auch wenn ich weiß, dass ich später vielleicht nicht übernommen werden kann.“

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