Bürokratie-Posse aus Nordrhein-Westfalen

Warum die Walzwerke Einsal nur mit halber Kraft Strom aus Wasserkraft erzeugen

Bodo Reinke ist ratlos. Seine Firma produziert ihren Strom zum Teil selbst – umweltfreundlich aus Wasserkraft. Doch eine nötige Reparatur lässt auf sich warten, weil Vorschriften das Unternehmen ausbremsen. Was ist da los?

Verärgert: Geschäftsführer Bodo Reinke beklagt zu viel Bürokratie in Deutschland. Foto: Roth

Verärgert: Geschäftsführer Bodo Reinke beklagt zu viel Bürokratie in Deutschland. Foto: Roth

Mit halber Kraft: Links läuft das Wasser noch zur Turbine. Die auf der rechten Seite steht still. Foto: Roth

Mit halber Kraft: Links läuft das Wasser noch zur Turbine. Die auf der rechten Seite steht still. Foto: Roth

Präzision: Ünal Öner vermisst den gewalzten Knüppel mit der Hand – beim glühenden Stahl liefert das genauere Ergebnisse als die moderne Messtechnik. Foto: Roth

Präzision: Ünal Öner vermisst den gewalzten Knüppel mit der Hand – beim glühenden Stahl liefert das genauere Ergebnisse als die moderne Messtechnik. Foto: Roth

Herzstück: In der Warmwalzhalle werden die Edelstähle mit den besonderen Eigenschaften gefertigt. Foto: Roth

Herzstück: In der Warmwalzhalle werden die Edelstähle mit den besonderen Eigenschaften gefertigt. Foto: Roth

Zentrale: Von hier aus kann Ünal Sevki (links) den kompletten Prozess steuern. Foto: Roth

Zentrale: Von hier aus kann Ünal Sevki (links) den kompletten Prozess steuern. Foto: Roth

Qualitätsstelle: Hier entwickeln und testen Rolf Feldmann und sein Team alle Produkte. Foto: Roth

Qualitätsstelle: Hier entwickeln und testen Rolf Feldmann und sein Team alle Produkte. Foto: Roth

Weltweit im Einsatz: 20.000 Tonnen Stahl werden pro Jahr verarbeitet. Foto: Roth

Weltweit im Einsatz: 20.000 Tonnen Stahl werden pro Jahr verarbeitet. Foto: Roth

Nachrodt-Wiblingwerde. Es ist ein kleines Idyll hier an der Lenne. Zwischen der Kalt- und der Warmwalzhalle der Walzwerke Einsal zieht eine Entenfamilie ihre Runden, üppiges Grün spiegelt sich im glatten Wasser, das gemächlich Richtung Turbinenhäuschen fließt.

„Viel zu ruhig“, sagt Geschäftsführer Bodo Reinke, der vor dem kleinen Wasserkraftwerk auf dem Betriebsgelände steht. „Normalerweise produzieren wir hier 25 Prozent unseres Stroms, rund 2,5 Millionen Kilowattstunden im Jahr“, erklärt er. „Derzeit ist es nur die Hälfte.“

Grund: Im Wehr flussaufwärts ist ein Loch. Dadurch kommt weniger Wasser in den Obergraben. „Das reicht nur noch für eine Turbine.“ Gern würde er den Schaden reparieren lassen. Doch dafür müsste ein Bagger in den Fluss. Am Rande des Naturschutzgebiets? Da sind sehr viele Vorschriften zu beachten.

„Das ist so bürokratisch“, schimpft Reinke. „Wir möchten sauberen Strom produzieren und können es nicht.“ Der Ausfall koste nicht nur Geld, er mache auch ökologisch keinen Sinn: „Man muss doch global denken!“ Solche bürokratischen Hemmnisse ärgern den Walzwerke-Chef im sauerländischen Nachrodt-Wiblingwerde immer wieder. Sie würden den Unternehmen das Leben in Deutschland extrem schwer machen. „Unsere Mitbewerber sind zum großen Teil schon nach Portugal, Polen oder Asien abgewandert. Aber wir wollen hierbleiben und hier die Arbeitsplätze halten.“

Es ist eine bewusste Entscheidung für den Betrieb, seit fast 350 Jahren an diesem Standort ansässig. Das Familienunternehmen investiert stetig, jetzt steht Größeres an.

Hochwertige Stähle für Ventilblocks, Implantate und Gefängnisgitter

Mit gut 12 Millionen Euro werden eine Versandhalle gebaut und eine Adjustageanlage angeschafft. Damit soll zum einen die auf verschiedene Stellen verteilte Logistik konzentriert und damit effizienter werden. Zum anderen will man durch die neue Anlage die Güte des produzierten Stahls nochmals steigern. „Qualität ist unsere Chance. Nur wenn unsere Produkte besser sind, können wir gegen die billigeren Anbieter bestehen“, weiß Reinke.

Bis jetzt ist diese Rechnung aufgegangen. Die Walzwerke Einsal produzieren hochwertige Stähle: besonders fest, außergewöhnlich widerstandsfähig und extrem korrosionsbeständig. „Wir liefern keine Massenware, sondern eher kleinere Losgrößen, Nischenprodukte eben.“

Vor wenigen Jahren war das unter anderem Turbinenstahl für den Kraftwerkbau. Dafür hatte das Unternehmen sogar die Glühkapazitäten erhöht. Dieser Markt ist mittlerweile geschrumpft; andere Geschäfte legten zu. Die besonderen Edelstähle, Legierungen und Titan-Werkstoffe – 450 verschiedene Produkte insgesamt – gehen in den Spezialmaschinenbau und die Luftfahrt, Umwelt- und Medizintechnik, Chemie- und Auto-Industrie.

Vom Ventilblock in der Ölförderung über Triebwerkteile im Flugzeug bis zum Knochenhobel und Implantat im OP-Einsatz: Die Liste der Endprodukte ist lang. Selbst Gefängnisgitter stehen auf Spezialstähle aus Einsal. „Unser Kundenkreis ist breit gefächert“, betont Reinke. Der Exportanteil liegt bei 50 Prozent, Tendenz steigend.

Rund 20.000 Tonnen dicken Stahl walzt die Firma jährlich zu dünnen Walzerzeugnissen. Dahinter steckt eine Menge Know-how. „Durch Erwärmen, Abschrecken, Druck kann man das Gefüge – und damit die mechanischen und metallurgischen Eigenschaften ändern“, erlärt Rolf Feldmann, Leiter der Qualitätsabteilung. Er entwickelt mit seinen zwölf Mitarbeitern das, was die Kunden wünschen: „Deren Anforderungen werden immer höher und spezieller.“

Know-how der Mitarbeiter spielt eine große Rolle

Umgesetzt werden sie unter anderem von Ünal Sevki. Der Verfahrensmechaniker hat elf Jahre „unten“ gearbeitet, wo die großen Knüppel bearbeitet werden. Seit kurzem hat er die fünf Walzgerüste als Steuermann von oben im Blick.

Ein halbes Jahr Einarbeitungszeit braucht es, um die Anlage perfekt zu beherrschen. Sie ist vor drei Jahren mit modernster Messtechnik ausgestattet worden. „In jeder Millisekunde werden mehr als 2.000 Daten geliefert, damit der Prozess optimal läuft“, erklärt Sevki. Trotzdem wird auch per Hand gemessen: „Beim glühenden Stahl ist das besser.“

Der Energieverbrauch konnte mit einer neuen Antriebstechnik um 70 Prozent gesenkt werden – ein beachtliches Ergebnis. Deshalb wurmt es Reinke umso mehr, dass es jetzt mit der Wasserkraft nicht so läuft.


Begegnung mit …

Foto: Roth
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Joana Hymmen: Fit und Fun in der Firma

Aus 300 Mitarbeitern ein fittes Team machen – daran arbeitet Joana Hymmen. In ihrem Hauptjob in der Personalabteilung ist sie unter anderem für die 20 bis 22 Azubis der Firma zuständig. Gemeinsam mit den Kollegen Christian Entrich (hinten links) und Andreas Helmig (hinten rechts) aus der Buchhaltung kümmert sie sich aber nebenher um viel mehr: um Gesundheit und Gemeinschaft im Unternehmen.

Das fängt beim Firmenlauf an und hört bei der Raucherentwöhnung längst nicht auf. „Es ist nicht immer ganz einfach, die Mitarbeiter zu motivieren“, sagt sie. Immerhin gelingt es ihr zunehmend besser: Zuletzt beim Tough Mudder Lauf, wo sich 34 Kollegen und der Chef gemeinsam über die Hindernisse quälten, oder demnächst bei der Fahrradtour, an der auch die Besitzer der ersten, vom Betrieb angebotenen Dienst-E-Bikes teilnehmen.

Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Engagement?

Zu dritt haben wir die erste kleine Weihnachtsfeier organisiert. Das hat so gut geklappt, dass wir das immer weiter ausgedehnt haben.

Was reizt Sie am meisten?

Gemeinsam im Team bei einer Sportaktion anzutreten, macht Spaß und schweißt zusammen.

Worauf kommt es an?

Man sollte selbst davon überzeugt sein, dann erreicht man auch, mit immer neuen Ideen, die unterschiedlichsten Kollegen.

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