Spezial-Wissen aus NRW

Warum der Behälterböden-Bauer König Spezialisten braucht

Netphen. Stephan Gabriel (43) lässt auf Knopfdruck die Sonne aufgehen: Gelb-rötlich glühend schiebt sich eine Art überdimensionaler China-Gong aus dem Ofen über das Wasserbecken. Nun startet der Maschinenbediener die Riesendusche. Wasser prasselt auf den heißen Metallkörper, der bereits in Form gebracht wurde. Dampf steigt auf.

Werkstoffe, die besonders schnell abgekühlt werden müssen, bringt er mit einer riesigen Chargieranlage in Sekunden aus dem Ofen und sofort in einem 500.000 Liter fassenden Tauchbecken unter Wasser. Gabriel steuert ebenfalls die neue, große Bördelmaschine. Er hat viel Erfahrung: „Ich kann hören, was im Metall passiert. Es darf beim Bearbeiten nicht zu hell klingen, denn dann ist es zu sehr kaltverfestigt und kann reißen.“

Stephan Gabriel ist einer von insgesamt 250 Beschäftigten der König + Co. GmbH. Und die stellt nicht etwa asiatische Klangkörper her am Stammsitz in Netphen, Siegen und im baden-württembergischen Hockenheim, sondern Böden für Druckbehälter.

Verbunden werden diese später beim Behälterbauer mit einem zylinderförmigen Mantel. Für Geschäftsführer Jochen König (51), der das Unternehmen seit 1999 gemeinsam mit Bernd König (48) führt, sind Böden die komplexesten Teile eines Behälters: „Während der Behältermantel nur entlang einer Achse verformt wird, bringen wir die Böden dreidimensional in Form.“

Stärkste und größte Bördelmaschine ihrer Art

Das 1930 aus einer Schraubenfabrik hervorgegangene Familienunternehmen kann Böden aus einem Stück mit bis zu acht Metern Durchmesser herstellen. Dafür baute Gerhard König, der inzwischen 82-jährige Vater von Jochen König, noch vor wenigen Jahren die wohl größte und stärkste Bördelmaschine ihrer Art.

König: „Viele Firmen, die sich nur mit 08/15 Produkten beschäftigt haben, gibt es heute nicht mehr!“ Bei König ging es seit der Jahrtausendwende stetig bergauf. Der Umsatz wuchs von 30 Millionen Euro auf 50 Millionen Euro in 2013, die Hälfte davon im Exportgeschäft.

Schwerste Exemplare wiegen 60 Tonnen

Kesselböden können – zusammengesetzt aus mehreren Teilen – einen Durchmesser von bis zu 13,5 Metern haben bei Wandstärken von bis zu 200 Millimetern und einem Stückgewicht von bis zu 60 Tonnen. Hauptabnehmer ist der Apparate- und Behälterbau. Für Gasturbinen-Bauer liefert die Firma sogar komplette Gehäuse.

Die Behälter müssen einiges aushalten. Überall, wo Prozesse unter Druck und bei hoher Temperatur ablaufen, wo flüssige und gasförmige Stoffe oder Pulver gelagert und transportiert werden müssen, kommen sie zum Einsatz. Also in der Chemie- und Nahrungsmittel-Industrie sowie in der Petrochemie und im Maschinenbau. Und wer auf der Autobahn hinter einem Silo-Lkw herfährt, schaut mit großer Wahrscheinlichkeit am Heck auf einen Boden von König aus dem Werk Hockenheim.

Roboteranlage schneidet Löcher präzise

Manche Behälter haben Rührwerke und viele Füllstutzen für unterschiedlichste Mischprozesse. Damit die Stutzen und Flansche problemlos und passgenau in einen Boden eingefügt beziehungsweise eingeschweißt werden können, haben die Königs in eine Roboter-Lochbrennanlage investiert. Diese vermisst jeden Boden in 3-D und schneidet die Löcher einschließlich der erforderlichen Schweißfase. König: „Von Hand ist das kaum so präzise zu machen und der zeitliche Aufwand ist um ein Vielfaches höher.“

Boden ist nicht gleich Boden. Es gibt bis zu 438 Merkmale, die ein Endprodukt beschreiben können. Dazu gehören über 300 verschiedene Werkstoffgüten oder -kombinationen (sogenannte Plattierungen), bei denen jeweils für sich unterschiedliche spezifische Bearbeitungskriterien zu berücksichtigen sind! Gut also, wenn man mit dem 62-jährigen technischen Leiter Hans-Artur Schütz einen hervorragenden Bödenspezialisten in seinen Reihen weiß, der derzeit all sein Wissen an einen Nachfolger weitergibt: „Hartes Titan Grade 12’ garantiert sicher zu Böden verformen – das können weltweit nur wir.“

Das Unternehmen bleibt der Heimatregion treu. So investierte die Firma in den vergangenen fünf Jahren über 10 Millionen Euro in neue Anlagen. Weitere 5 Millionen Euro fließen in ein neues Werk im benachbarten Haiger, das voraussichtlich 2016 die Produktion aufnehmen wird. Damit auch in Zukunft Tag für Tag auf Knopfdruck die Sonne aufgeht.

 


Bördelmaschine und Chargieranlage

Mit der Bördelmaschine wird der obere Rand eines Bodens zwischen Rollen so gewölbt, dass er später sauber an den Behälterzylinder anschließt. Die 40-Tonnen-Chargieranlage ist eine Beschickungs- und Entnahmevorrichtung, mittels der man gewaltige Behälterböden in einen Glühofen einfahren oder entnehmen und anschließend in ein Wassertauchbecken absenken kann.

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