Auslands-Engagement

Wachsen oder weichen


Warum Deutschlands wichtigster Industriezweig Metall und Elektro auch im Ausland kräftig Flagge zeig

Wie eine riesige Luftblase scheint der futuristische Bau auf einem künstlichen See zu schwimmen: Es ist Chinas neues Nationaltheater in Peking. Der Kulturpalast ist ein Hightech-Tempel. Mit raffinierter Bühnentechnik. Um die mit Starkstrom zu versorgen, kommen  Steckdosenkombinationen von Mennekes zum Einsatz, einem Unternehmen, das seinen Sitz im sauerländischen Kirchhundem hat.

Doch die Erzeugnisse für das Theater hat die Firma nicht dort, sondern in China hergestellt. In einer Fabrik in Nanjing, rund 200 Kilometer nordwestlich von Schanghai.

Niedrige Arbeitskosten

„Sonst wäre aus dem Geschäft nichts geworden“, sagt Marketingleiter Burkhard Rarbach. Um einen Markt in der Ferne zu erobern, müsse man schon vor Ort präsent sein. Vor ein paar Wochen weihte Mennekes in Nanjing eine zweite Fertigungsstätte ein, die ausschließlich für China fertigt.

Das Beispiel zeigt: Die  Unternehmen von Deutschlands größtem Industriezweig Metall und Elektro produzieren zunehmend auch jenseits unserer Grenzen. Die Gründe sind vielfältig: Kundennähe, gestiegene Transportkosten und im Vergleich zu uns niedrigere Arbeitskosten. Zwar hat Deutschland im internationalen Standortvergleich in den letzten Jahren spürbar aufgeholt, trotzdem haben die Industriebetriebe hierzulande, weltweit gesehen, mit die höchsten Arbeitskosten zu verkraften.

Deutlich günstiger lässt sich etwa in Tschechien und der Slowakei fertigen. Hier hat die Mürdter-Gruppe, die unter anderem Spritz- und Prägewerkzeuge für die Auto-Industrie herstellt, ebenso Werke. „Die günstigen Arbeitskosten sind ein dicker Pluspunkt“, sagt Normann Mürdter, Chef der Firma aus dem schwäbischen Mutlangen. Aber ebenso wichtig sei, nah an den Kunden zu sein.

Ausschließlich auf die Kosten zu schielen, kann da-gegen ins Auge gehen. Zwar sind günstige Arbeitskräfte laut einer Untersuchung des Fraunhofer-Instituts „nach wie vor das dominierende Motiv für Produktionsverlagerungen“. Doch oft haben Betriebe im Ausland mit schlechter Qualität zu kämpfen. Ein Grund dafür, dass „auf jede vierte bis sechste Verlagerung innerhalb von vier Jahren eine Rückverlagerung erfolgt“, bilanziert das Institut.

Den Kunden hinterher

Die Firma Robert Bürkle, Produzent von Pressen- und Beschichtungsanlagen, hatte gar keine andere Wahl, als eine Produktion in der Ferne hochzuziehen. Sie stellt in Schanghai vor allem Maschinen für die Elektronik-Industrie her. „Da diese Kundschaft fast komplett nach China abgewandert ist, mussten wir hinterherziehen“, so Marco Spindler, Leiter Fi-nanz- und Rechnungswesen.

In China werden vor allem „einfache Erzeugnisse“ produziert. Die Hightech-Anlagen kommen dagegen nach wie vor aus Freudenstadt im Schwarzwald, wo auch die Entwicklungsabteilung sitzt: So sichert das Fernost-Geschäft indirekt die heimischen Stellen.

Der Autozulieferer Boysen (Zentrale im schwäbischen Altensteig) ist neu in China. Er hat erst im Frühjahr ein Werk in der Provinzhauptstadt Shenyang eröffnet, um Krümmer und Katalysatoren für BMW zu produzieren. Die Bayern sind mit ihrer China-Fertigung auf kurze Lieferwege angewiesen. Boysen-Geschäftsführer Rolf Geisel: „Dieses Land ist für uns nach den USA inzwischen der zweitwichtigste Absatzmarkt.“

Es gibt nur zwei Alternativen: Wachsen oder weichen. Boysen  braucht hohe Stückzahlen, um modernste Fertigungs-techniken nutzen zu können – wie etwa  Schweißroboter, welche die Produktionskosten drücken.

Trotz aller Verlagerungen: Jobaufbau im Ausland muss nicht automatisch zu einem Stellenverlust daheim führen. Oft ist das Gegenteil der Fall.

So hat die Elektrotechnik-Firma Mennekes auch in Kirchhundem ihre Mitarbeiterzahl erhöht – in den letzten 18 Monaten um 80 auf jetzt 500. Und Boysen beschäftigt nun in Deutschland 100 Menschen mehr als noch vor einem Jahr.

Wilfried Hennes/Joachim Sigel

 

4.500 Firmen aktiv

Im Jahr 2006 (neueste Statistik) war die deutsche Metall- und Elektro-Industrie im Ausland an insgesamt rund 4.500 Unternehmen beteiligt (einschließlich eigener Töchter).

Diese beschäftigten rund 1,3 Millionen Mitarbeiter und erwirtschafteten einen Umsatz von fast 600 Milliarden Euro.

Die meisten dieser Unternehmen (31 Prozent) gehören zur Elektro- und Elektronik-Branche. Knapp dahinter folgen Maschinen- und Fahrzeugbauer.

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