Rohstoffe

Vorstoß in die Tiefe


Die mutigen Männer vom Gasfeld und ihre faszinierende Technik

Borstel. Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie beschaulich: Pittoreske Bauernhöfe, Maisfelder, grasende Kühe, Landluft. Doch in dieser Urlaubsidylle liegt – ein Hochsicherheitsgebiet.

Mitten auf dem Acker verwehren plötzlich Bauzäune den Zutritt zu einem Areal, etwa so groß wie ein Fußballplatz, „No-go-Area“ steht warnend auf einem Schild. Dort, im niedersächsischen Dörfchen Borstel, haben 16 Männer eine Mission. Sie wollen einen Schatz heben, den Experten in über drei Kilometern Tiefe vermuten: Erdgas.

Andreas Rosener ist einer von ihnen. Mit Schutzanzug und Helm läuft der Ingenieur des EnergieKonzerns Wintershall über das Ge­lände. Sein Ziel: die 35 Meter große Tiefbohranlage, eine gigantische Stahlkonstruktion, mit der sich die Männer in die Tiefe arbeiten.

„Ob wir hier wirklich Gas finden, wissen wir erst beim Durchbruch in die Lagerstätte“, sagt Rosener. „Nach allen Berechnungen gehen wir aber davon aus.“ Für die Gas-Pioniere ist dieses Bohren ins Ungewisse Alltag: „Unterm Meißel ist es eben dunkel.“

Bohrtechniker sind fahrendes Volk

Erdgas unter deutscher Scholle – gar nicht so selten, wie man glaubt. Laut Fachleuten verfügt Deutschland über die größten Gasvorkommen aller EU-Staaten. Jährlich werden hierzulande 20 Milliarden Kubikmeter des wertvollen Rohstoffs gefördert. Oft befindet sich das Gas tief unter der Erde. Die Erschließung gilt als teuer – und als verdammt schwierig. Die bayerische Firma Drilltec ist darauf spezialisiert. Weltweit koordiniert sie Tiefbohr-Projekte wie das in Borstel.

Im Herzstück dieser Anlage sitzt heute Schichtführer Hans Kube in einem Container in 8,50 Metern Höhe. Er steuert das Geschehen an seinem Pult mit vielen Hebeln, Knöpfen und Bildschirmen. Ständig hat er die Maschine im Blick, die nach und nach lange Eisenstangen im Untergrund verschwinden lässt. „Der Meißel ist gerade mit anderthalb Tonnen belastet“, erklärt er. Und: „1.000 Liter Spülung werden pro Minute in das Bohrloch gepumpt.“

Diese Mixtur aus Wasser und etlichen Zusatzstoffen muss Rohre kühlen, die sich mit 83 Umdrehungen in der Minute in die Erde schrauben. „Und sie spült die Gesteinspartikel, die beim Bohren anfallen, an die Oberfläche.“

Eine Leidenschaft mit Gefahren

Draußen vor dem Bohr-Koloss steht Kubes Chef, Frank Martens. Der 44-jährige Tiefbohrtechniker hat soeben seinen täglichen Rundgang über die Anlage beendet. „Das ist wohltuende Abwechslung“, sagt Martens, „die meiste Zeit verbringe ich nämlich in meinem Büro.“ Untergebracht ist das in einem schnöden Container auf dem Acker – genauso wie Toiletten und Aufenthaltsraum.

Weil die Bohranlage immer an verschiedenen Orten auf- und abgebaut wird, sind die Fachleute an ein Leben auf Achse gewöhnt. Monatelang leben sie und die 14 Kollegen getrennt von ihren Familien. Immerhin: „Wenn alles gut klappt, fahre ich jedes Wochenende nach Hause“, erzählt Martens.

Auch der Wintershall-Ingenieur Andreas Rosener kommt viel herum. Im Herbst zieht er nach Abu Dhabi, um an der Erschließung eines Ölfeldes mitzuarbeiten.

Was fasziniert diese Männer am Abenteuer Tiefe? Der gebürtige Bayer Rosener hatte einen Onkel in Amerika, der eine Goldmine besaß. „Wenn andere Urlaub machten, habe ich in Kalifornien nach Gold gesucht.“ Und Nordlicht Martens sagt: „Ich wollte Naturwissenschaften und schwere, imposante Technik miteinander verbinden.“

Heute teilen sie einen Arbeitsalltag mit Wagnissen. Denn: Der Job des Gas-Pioniers birgt Risiken.

Neben Gestein und Erdgas versteckt sich nämlich im Untergrund auch Schwefelwasserstoff. „Dieses Gas kann tödlich sein“, erklärt Martens. „Alle Mitarbeiter müssen sich deshalb an strenge Sicherheitsstandards halten.“

In den letzten Jahrzehnten wurde viel getan, um die Arbeitssicherheit zu verbessern. Nach Angaben des in Hannover ansässigen Wirtschaftsverbands Erdöl- und Erdgasgewinnung liegt die Zahl der Arbeitsunfälle in der Branche mittlerweile unter dem Bundesdurchschnitt.

Aber Abenteuerlust gehört wohl schon dazu. Auch privat lebt Martens nicht gerade ungefährlich. Sein Hobby: Motorschirm-Fliegen.

 

Dem Erdkern etwas näher

Wenn ein Bohrloch 500 Meter oder tiefer in die Erde reicht, spricht man von einer Tiefbohrung. Nach Branchenangaben wurden 2009 bundesweit 30 Bohrungen nach Erdöl und Erdgas abgeschlossen. Zusammengerechnet waren alle Löcher 66 Kilometer tief.

Derzeit stehen bundesweit 28 Bohranlagen. Die meisten arbeiten nach dem „Rotary-Verfahren“: Das lange Bohrgestänge wird mit dem Meißel am Ende gedreht. Elektromotoren treiben die Anlagen an.

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