Beruf & Familie: Gesamtmetall plädiert für passgenaue Lösungen im Betrieb

Vorfahrt für Privates? Wie Firmen da helfen können, zeigen die Beispiele Viega und Truck-Lite

Großheringen/Eisenach. Unge-rührt vom Lärm in der Halle steht Sebastian Jacob an der Maschine. Er hört mehr nach innen, schaut, überlegt. In ihm keimt eine Idee, wie er die Anlage etwas schneller machen kann. An diesem Tag wird er allerdings von ungewohntem Besuch abgelenkt: von einem Dutzend Journalisten, die sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie interessieren. Und zwar für ganz konkrete Fälle – wie den von Jacob.

Noch vor zwei Jahren hat der junge Vater im Dreischicht-System gearbeitet, in der Produktion des Viega-Werks Großheringen (Thüringen). Dann kündigte sich Töchterchen Isabelle an. „Und ich wollte nicht, wie bei meiner ersten Tochter Antonia, einen Großteil des Aufwachsens verpassen“, erzählt Jacob. Also beantragte er neun Monate Elternzeit. Und wollte danach nur noch Tagschicht arbeiten.

Spielraum für individuelle Lösungen

Werkleiter Ekkehard Wenkel erbat sich zwei Tage Bedenkzeit, besprach sich mit Kollegen – dann war eine Lösung gefunden. Viega, Weltmarktführer für Pressverbindungstechnik bei Wasser- und Gasleitungen, wollte in dem Werk sowieso Stellen für Prozessoptimierer schaffen. Jacob schien da geeignet: Er startete dann als Tagschichtler in den neuen Job.

Solche pragmatischen Ergebnisse – mit dem Betriebsrat abgestimmt – sind in dem Werk mit rund 700 Mitarbeitern an der Tagesordnung. Ob Pflege der Eltern, Kinderbetreuung oder eine vorübergehende 30-Stunden-Woche: „Wer ein Problem hat, legt das auf den Tisch – wir finden eine Möglichkeit, die dem Unternehmen und dem Mitarbeiter gerecht wird“, sagt Wenkel. Sonderregelungen kann er sich für bis zu 5 Prozent der Beschäftigten vorstellen – mehr hält er aber aus Erfahrung auch nicht für nötig.

Würden strengere Vorgaben von außen der Belegschaft womöglich mehr helfen? Der Werkleiter verneint das: „Politik gibt den Rahmen vor“, sagt er, „und je weiter der gesteckt ist, desto mehr Spielraum haben wir für unsere individuellen Lösungen.“

Das sieht auch der Arbeitgeberverband Gesamtmetall so, der die Reise der Journalisten zu mittelständischen Metall- und Elektro-Unternehmen in Thüringen organisiert hat. Antonia Fischer-Dieskau, die Leiterin der Abteilung Sozialpolitik, betont: „Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist kein Tarifthema – starre Regelungen entsprechen nicht der Lebenswirklichkeit.“ Auf betrieblicher Ebene hingegen könne man passgenaue Einzellösungen finden.

Marion Feist nickt dazu – und präsentiert weitere Beispiele. Es gehört zu ihrer Aufgabe, ein offenes Ohr zu haben und Lösungen zu finden: Feist ist Personalchefin von Truck-Lite Eisenach, einem Hersteller von Fahrzeugbeleuchtungen; 340 Mitarbeiter montieren Leuchten im Dreischicht-System.

Das Unternehmen bietet seinen Leuten zum Beispiel Arbeitszeitkonten, mit denen man das Kümmern um Kinder oder Eltern besser organisieren kann. Oder Kooperationen mit Schulen und dem örtlichen Kindergarten. „Wir haben es erreicht, dass er schon um 5.30 Uhr für unsere Schicht-Mitarbeiter öffnet“, berichtet Feist. Arbeiten von zu Hause ist je nach Job ebenso möglich wie eine Freistellung. Das hat zum Beispiel Fertigungsplaner Dirk Müller genutzt, der sich so einen Jugendtraum erfüllt hat: eine zehnmonatige Südamerika-Reise.

Mehr Motivation, weniger Fehlzeiten

Aber – rechnet sich das alles überhaupt? „Familienfreundlichkeit lässt sich schwer beziffern“, weiß Feist. Aber sie ist überzeugt, dass sich das Engagement des Betriebs auszahlt: „Zufriedene und motivierte Mitarbeiter haben weniger Fehlzeiten, unsere Fluktuation liegt nahe null.“

Und Experten wissen: Familienfreundlichkeit steht heute bei vielen Bewerbern ganz oben auf der Wunschliste! Gute Karten also für Betriebe wie Viega und Truck-Lite, die ihre Belegschaften gerade kräftig ausbauen.


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