Auto-Recycling

Von wegen Schrott


Altautos sind eine wertvolle Rohstoffquelle. Doch wie wird die eigentlich angezapft?

München. Knapp 200.000 Kilometer, Baujahr 1992, fetter Frontschaden nach Auffahrunfall: Für den Laien ist es nur noch Schrott, was der Abschleppwagen beim Autoverwerter Schindelar da gerade vom Haken lässt.

Der Betriebsleiter Michael  Krumpf sieht das anders. „Audi 80, gepflegtes Teil, kein Rost“, sagt Krumpf, während er den Wagen umrundet. „Die Kiste ist  bares  Geld!“

Krumpf muss es wissen, schließlich ist das Recycling von Alt-Fahrzeugen sein Geschäft. Und was  für eins: Zu 85 Prozent ihres Gewichts müssen Autos schon heute am Ende ihres Lebens verwertet werden.

So will es die EU. Und 2015 werden die Regelungen noch  strenger: Alt-Fahrzeuge müssen dann sogar zu 95 Prozent verwertbar sein.

Airbags werden gezündet

Die bayerischen Autobauer dürfte das kaum schrecken. Als erster Großserien-Hersteller erfüllt Audi mit seinen aktuellen Modellen die künftigen EU-Kriterien schon heute. Auch BMW fährt bei der Recyclingfähigkeit ganz vorne mit, ist federführend in der recyclingorientierten Produktgestaltung. Das heißt: Der Einsatz sogenannter Rezyklate in der Produktion bewegt sich auf hohem Niveau. Das sind Bauteile aus Rohstoffen, die bereits einmal eingesetzt wurden und über einen Materialkreislauf erneut in die Fertigung gehen.

Diesen Kreislauf in Gang zu setzen ist Aufgabe von rund 1200 unabhängigen, qualifizierten Demontagebetrieben im gesamten Bundesgebiet. Einer davon ist Schindelar in München.

Betriebsleiter Krumpf: „Gut ein Dutzend Altautos kommt hier täglich rein, da muss jeder Handgriff sitzen.“

Zuerst müssen alle Betriebsstoffe wie Benzin, Öle, Bremsflüssigkeit oder das Kältemittel der Klimaanlage abgesaugt werden. Die Flüssigkeiten werden in Spezialbetrieben wieder aufbereitet. Nach dieser „Trockenlegung“ wird’s schon mal spektakulär. „Wenn der Wagen Airbags hat, zünden wir die kontrolliert, damit sie uns später  nicht  um  die  Ohren fliegen“, so Krumpf.

Der alte Audi 80, dem die Mechaniker derweil die Batterie entnommen haben, hat keine Airbags. Aber einen noch brauchbaren Motor und ein gut erhaltenes Getriebe.

„Was gut in Schuss ist, bauen wir aus und verkaufen es“, erklärt Krumpf. Das gelte auch für Scheiben, große Kunststoff- und Karosserieteile. Besonders begehrt bei Ersatzteil-Schnäppchenjägern sind dabei übrigens die Fahrertüren der Autos. „Wegen der leidigen Rechts-vor-Links-Regel“, grinst Krumpf.

Auch was nicht mehr zum Ersatzteil taugt, ist längst kein Müll. „Die Betriebe trennen die Reifen von den Felgen und bauen gezielt Leichtmetall-Teile aus“, sagt Peter Kunze, Recycling-Experte im Audi-Kunden- dienst. Die diversen Materialien werden dann ebenfalls spezialisierten Verwertern zugeführt.

Kunststoff-Granulat ersetzt Kohle oder Öl

Was am Ende in die Schrottpresse wandert, ist nicht viel mehr als die leere Hülle. Zum handlichen Paket zerquetscht, wird die später von Schredder-Anlagen zu handtellergroßen Stücken zerfetzt.

Durch mechanische Verfahren werden dann die Metalle – etwa Eisen und Aluminium – voneinander getrennt. Auch Kunststoffe, Glas und andere wertvolle Materialien werden aufbereitet.

„Das Metall wird geschmolzen und in den Kreislauf zurückgeführt“, erklärt Uwe Heil, Recycling-Fachmann in der Audi-Entwicklung. „So ersetzt  Kunststoff-Granulat  in Hochöfen Kohle oder Öl als Reduktionsmittel.“

Damit all das auch funktioniert, hält Audi die Demontagebetriebe immer auf dem neuesten Stand, was schadstoffhaltige Teile angeht, etwa Batterien und ausbaupflichtige Umfänge. „Die Kollegen müssen schließlich wissen, was wo im Auto in welcher Menge verbaut ist“, so Kunze.

Recycling-Tests zahlen sich aus

Zudem werde die Recycling-Fähigkeit schon bei der Konstruktion neuer Modelle bedacht und stetig optimiert. „Bereits in der Entwicklung wird jedes Modell ausführlichen Recyclingtests und aufwendigen Werkstoffanalysen unterzogen“, sagt Uwe Heil.

Und das mit Erfolg, wie die 95-prozentige Verwertbarkeit der neuen Audis beweist.

Ob als Gebrauchtteil, Sekundär-Rohstoff oder Kohle-Ersatz – auch für unsere abgelegten Autos gilt also: Man sieht sich immer zweimal im Leben ...

Ulrich Halasz

 

Wohin mit dem Alten?

Rund 47 Millionen Autos kurven derzeit über bundesdeutsche Straßen. Jahr für Jahr gelangen laut Bundesumweltministerium gut 450.000 davon in die Verwertung.

Für den letzten Halter des Fahrzeugs ist die Rückgabe des alten Schätzchens übrigens kostenlos. Die Voraussetzung: Der Wagen war vor der Stilllegung mindestens einen Monat in der Europäischen Union zugelassen. Zudem muss das Auto noch vollständig  sein, wesentliche Teile wie Motor, Getriebe oder Katalysator dürfen also nicht fehlen.

Außerdem braucht jeder, der ein Auto verschrotten lassen möchte, den Fahrzeugbrief oder ein vergleichbares Zulassungsdokument.

Alle Hersteller unterhalten ein flächendeckendes Netz von Rücknahmestellen. Ein Blick auf die Webseite Ihrer Automarke oder ein Anruf beim örtlichen Händler bringt Auskunft über die nächst gelegene Stelle.

UH

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