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Von wegen alt: Warum wir länger im Job bleiben sollten

Berlin. Vorab die gute Nachricht: Noch nie hatten so viele Menschen in Deutschland Arbeit, 2014 könnte ein Rekordjahr werden, so die Arbeitsmarktprognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die schlechte Nachricht: Langfristig bleibt es nicht so! „Bald wird die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland sinken“, so IAB-Prognosechef Enzo Weber.

Pro Jahrzehnt steigt die Lebenserwartung um zwei bis drei Jahre

Schon Mitte der 2020er-Jahre werden wir gut 6,5 Millionen erwerbsfähige Personen weniger haben als heute, schuld ist die niedrige Geburtenrate. Da die Lebenserwartung steigt und die Rentendauer zunimmt, sind eine Top-Gesundheitsversorgung samt Pflege und das bewährte Rentenniveau nicht mehr finanzierbar. Die Folge: Wir müssen länger arbeiten.

Alle zehn Jahre steigt die Lebenserwartung der 65-Jährigen um zwei bis drei Jahre. Webers Vorschlag: „Warum sollten die Menschen nicht länger motiviert im Beruf aktiv bleiben?“

Dieser Meinung ist auch Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung: „Wir haben aus der alten Zeit eine absurde Vorstellung von Arbeit und Freizeit mitgenommen“, sagt er. „Übertrieben formuliert: ‚Arbeit ist schrecklich!‘“

Diese Einstellung sollten wir schnell loswerden: „Arbeit macht sehr vielen Leuten Spaß“, so Klingholz. Umgekehrt sei das Rentendasein nicht der Eintritt ins Paradies: „Viele langweilen sich, wenn ihnen die Arbeit verloren geht, auf der sie ernst genommen wurden.“

Voraussetzung für längeres Arbeiten sind altersgerechte Arbeitsbedingungen, Gesundheitsprävention und Weiterbildung. Die Chemie reagierte schon 2008 als erste Branche mit dem Demografie-Tarifvertrag auf die absehbare Veränderung. Darin wurden Instrumente wie Langzeitkonten, Teilrente, eine überarbeitete Altersteilzeit sowie flexible Übergänge in den Ruhestand verankert.

„Wir haben schon lange das Ziel, längeres und flexibleres Arbeiten zu ermöglichen“, so Klaus-Peter Stiller, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie in Wiesbaden. Er appelliert an den Sozialpartner, den miteinander eingeleiteten Mentalitätswandel fortzusetzen: „Wir müssen gemeinsam Bedingungen schaffen, mit denen längeres Arbeiten möglich ist.“

Dass Firmen davon profitieren, fand Demografie-Forscher Axel Börsch-Supan bei einer Studie im Chemie-Konzern BASF in Ludwigshafen heraus: Die Produktivität der älteren Mitarbeiter sei am Ende höher als die der jungen. „Vom Know-how der älteren Mitarbeiter können wir in hohem Maße profitieren“, weiß ebenfalls Martin Schöne, Personalleiter beim Schmerzspezialisten Mundipharma in Limburg, der mehr als 100 Arbeitszeitmodelle anbietet.

Moderne Wege beschreitet auch Gambro im baden-württembergischen Hechingen: In der Produktion des Medizintechnikherstellers läuft bereits seit einem Jahr ein neues Schichtmodell, das die Bedürfnisse älterer Mitarbeiter berücksichtigt.


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