Lehrer-Fortbildung

Von der Tafel in die Praxis


Voll Wissensdurst: Die Lehrerinnen Sonja Kaiser und Sofia Wiggers (von links) mit Ausbilder Marius Olechowski bei einer Destillation. Fotos: Eifrig (2), Montage: Eifrig

Lehrer schnuppern Betriebsluft bei Infracor im Chemiepark Marl

Schüler wissen es nur zu gut: Auch Lehrer sind nicht perfekt. Bloß gestehen die es sich häufig nicht ein. Dabei könnten auch die Pädagogen noch einiges dazulernen. Wie sie ihren Unterricht interessanter gestalten etwa. Oder wie sie die jungen Leute besser auf ihren Beruf vorbereiten. Dazu müssten die Lehrer aber wissen, was den Nachwuchs im Arbeitsalltag erwartet. Zum Beispiel in einem Chemie-Unternehmen wie Evonik.

Seit 2003 kommen sie in Marl ganz einfach an dieses Wissen: Die Pauker können im Chemiepark ein Betriebspraktikum machen, Praxisluft schnuppern und Anregungen für den Unterricht mitnehmen.

Ester, Aromastoffe und Bratenduft

Sofia Wiggers zögerte da nicht lange. Die Chemielehrerin vom Gymnasium Remigianum in Borken schlüpfte gerne noch einmal für zwei Tage in die Schülerrolle. Und war damit beim Standort-Dienstleister Infracor im Chemiepark Marl an der richtigen Adresse. Denn der bildet für einen Teil der Firmen dort die Lehrlinge aus, unter anderem für Evonik.

Wiggers war begeistert. „An der Uni wird man ja fast wie ein Chemiker ausgebildet. Einfache, lebensnahe Versuche lernt man dort nicht“, erklärt die 47-Jährige. Sie findet das „sehr schade“. Denn sie weiß: „Die Begeisterung für das Fach packt Schüler vor allem, wenn sie erleben, welche Rolle Chemie im täglichen Leben spielt.“

Heute hat die engagierte Lehrerin einen ganzen Ordner voll mit praxisnahen Experimenten. So stellt sie mit ihren Jungs und Mädels jetzt zum Beispiel Gips oder Ester her; Ester stecken als Aromastoffe in Nahrungsmitteln und Parfums.

Oder sie erklärt, welche Aromastoffe beim Braten von Fleisch freigesetzt werden. Wiggers: „Damit kann ich sie im Alltag abholen.“ Zurzeit aber stehen bei ihr „Nachwachsende Rohstoffe“ auf dem Stundenplan: „Wir werden Fett aus Kokosraspeln extrahieren.“

Ausgetüftelt haben den Versuch Marius Olechowski und seine Kollegen von der Infracor-Ausbildung. Sie wissen, worauf Jugendliche anspringen. Olechowski: „Für das Lehrerpraktikum haben wir einfache Versuche entwickelt, die eindrucksvoll zeigen, wie Chemie im Alltag funktioniert.“ Denn die Marler betreuen regelmäßig Lehrer, die sich an der Uni Dortmund fortbilden.

Seitdem gibt es wieder einen Leistungskurs

Auch Sonja Kaiser, Chemielehrerin am Hans-Böckler-Berufskolleg in Marl, war schon zum Praktikum da. Sie unterrichtet in der Berufsschule Azubis, die bei Infracor ihre Lehre machen. Da möchte sie natürlich wissen, was die Jugendlichen dort praktisch lernen. „Damit ich das im Unterricht aufgreifen kann“, erläutert sie. „Wenn ich erkläre, wie man eine neue Pumpe in Betrieb nimmt, ohne dass sie sofort kaputtgeht, muss ich das selbst einmal gemacht haben.“

Oder wenn sie den Schülern die komplizierten Vorgänge in einer Destillationsanlage erklärt. Was die Lehrerin reizt, ist die Verbindung von Praxis und Theorie. „Das bereichert den Unterricht sehr.“

Klar, dass beide Lehrerinnen schon öfter im Chemiepark waren. Zwischen Gymnasium und Infracor gibt es mittlerweile engen Kontakt. Die Schüler der Chemiekurse machen häufig ihr Praktikum in Marl.

So erleben sie Chemie hautnah. Mit Folgen. Wiggers: „Seitdem bekommen wir in Chemie auch wieder einen Leistungskurs zusammen.“

Suska Döpp

 

Info: Infracor GmbH

Die Infracor GmbH ist der Standort-Betreiber im Chemiepark Marl. Ihre 3.000 Mitarbeiter übernehmen dort Ver- und Entsorgung, betreiben Technik, Infrastruktur, Logistik und kümmern sich um Sicherheit und Umweltschutz. Das Unternehmen setzt rund 700 Millionen Euro im Jahr um.

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