Outdoor-Artikel

Von der Alm in alle Welt

In Reih und Glied: Die Schäfte des Modells „Air Revolution“ werden für die Montage der Laufsohle vorbereitet. Foto: Straßmeier

Wie sich eine bayerische Firma weigert, den Heimatstandort aufzugeben


Kirchanschöring. Sie guckt ein bisschen doof. Das ist nicht schlimm, da kann sie nichts für, sie guckt eben, wie man halt so guckt, als Kuh. Wiederkäuend steht sie da auf ihrer saftigen bayerischen Alm, der Himmel ist weiß-blau an diesem Tag, in der Ferne reckt die Watzmann-Familie ihre schneebedeckten Gipfel gen Himmel. Wunderschön alles.

Und auch das Einzige, was unsere Kuh bislang gesehen hat in ihrem Leben. Doch das wird sich ändern.  Denn ihr steht ein zweites Leben bevor. Ein Leben, in dem sie ausziehen wird von der Alm, um Weltruhm zu erlangen. Nicht als Kuh, zugegeben. Sondern: als Schuh!

„Wenn die Sohle abgeht, hast du ein Problem“


Kirchanschöring, Landkreis Traunstein. Etwas mehr als 3 000 Seelen, ein Kirchturm, rote Geranien in Holzkästen, auch der Maibaum steht noch. Es riecht nach Tradition hier, ganz besonders in einem kleinen Gewerbegebiet am Dorfrand. Denn hier, in ein paar flachen Werkhallen, produzieren rund 250 Mitarbeiter der Firma Meindl hochwertige Wanderschuhe, komplett in Handarbeit. Seit 329 Jahren! Produktionsverlagerung ins billigere Ausland? „Das wäre der Anfang vom Ende“, sagen die Bosse.

Hoppla, gut gebrüllt! Wir haben die Brüder Lars (43) und Lukas (46) Meindl, die sich die Geschäftsführung teilen, gefragt: Wie geht das, in unserer globalisierten Welt? Draußen rumpelt gerade ein Laster vom Hof, er hat neues Leder gebracht von glücklichen bayerischen Kühen. Drinnen sitzen die beiden in einem nüchternen Konferenzzimmer im Erdgeschoss. Über Globalisierung mögen sie gar nicht so lange reden, lieber über das, was sie schon ihr ganzes Leben begeistert: festes Schuhwerk.

„Ein Schuh muss ein Gefährte sein“, sagt Lukas Meindl, und dabei rutscht er auf seinem Stuhl hin und her, als würde ihn etwas mit Macht rausziehen in die Natur. „Wenn dir am Berg der Rucksackriemen reißt, kannst du improvisieren“, sprudelt es aus ihm. „Aber wenn da oben die Sohle am Schuh abgeht, dann hast du ein Problem.“

200 Arbeitsschritte für einen Schuh


Dafür, dass genau das nicht passiert, arbeiten sie hier. In der Montage herrscht Hochbetrieb, das Modell „Air Revolution“ steht heute auf dem Plan. Ein Schuh für anspruchsvolle Bergtouren, 1 200 Stück sollen es am Ende des Tages sein.
Es wird genäht und gestanzt, Sohlen werden verklebt. Immer wieder halten die Mitarbeiter die Schuhe zur Qualitätskontrolle unter blaues UV-Licht. „Am Ende sind es pro Schuh über 200 Arbeitsschritte“, brüllt Produktionsleiter Alois Jauk gegen den Lärm in der Halle an.

200 Arbeitsschritte! Im Hochlohnland Deutschland! Das Konzept geht hier auf. Bei Millionen Wandervögeln und Bergfreaks gilt die Marke als Synonym für langlebige Schuhe für jedes Gelände.

Und zwar weltweit: 60 Prozent der Produktion gehen ins Ausland. Skurrilität am Rande: Wichtigster Exportmarkt für Bergschuhe aus Bayern sind die Niederlande! „Wir könnten unsere Produktion gar nicht ins Ausland verlagern“, bekräftigt Lukas Meindl. Der Vater habe das Unternehmen seinerzeit im Dorf groß gemacht – wie könne man da an Verlagerung denken?

Zudem seien Bergschuhe ein komplexes Produkt: „Hergestellt aus vielen Materialien, Synthetik, Metall, Leder – das kann man nicht einfach mal irgendwo anders produzieren, ohne das Image der Top-Qualität zu riskieren.“ Ein Unternehmen müsse wirtschaftlich denken, ergänzt Bruder Lars. „Trotzdem darf man nicht immer alles nur unter Kostengesichtspunkten betrachten.“ Für Outdoor-Fans kämen Meindl-Bergschuhe nun mal aus Bayern. „Würden wir das ändern, wäre unsere Glaubwürdigkeit weg.“

Gerade wird wieder neu investiert


Ganz ohne Globalisierung geht’s auch bei Meindl nicht. Die Firma fertigt leichtere Wanderschuhe in Asien, hat auch Werke in Ungarn und Slowenien. Aber das ist zusätzliche, keine verlagerte Produktion: „Alle ausländischen Werke ergänzen die Kollektionen nur“, betonen die Brüder.

Daran dürfte sich auch zukünftig nichts ändern: Mit Millionenaufwand baut Meindl gerade ein neues Logistikzentrum im Dorf. „Es gibt in Europa wohl keinen abgelegeneren Standort dafür“, grinst Lukas Meindl. „Aber wir kommen von hier. Also bauen wir auch hier.“


Von der Kuh zum Schuh


Kompromisslos verwurzelt mit der Heimatregion gibt sich Meindl auch bei seiner neuen Produktlinie „Identity“. Anhand einer im Innenteil der Manschette verewigten fünfstelligen Identifikationsnummer können Wanderfreunde im Internet in Erfahrung bringen, welchen Weg ihr Schuh genommen hat.

Und zwar von der ökologisch geführten Almwiese, auf der die ledergebende Kuh einst weidete, über die Gerberei, die das Leder in Deutschland nachweislich umweltschonend gegerbt hat, bis hin zur Produktion am Stammsitz in Kirchanschöring.


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