Behindertensport

Vom Gitterrost zum Rollstuhl


„Handbikes“ von Sunrise Medical sind nicht nur bei Athleten begehrt

Malsch. Breite Schultern,  kräftige Arme – ein Bär von einem Mann. So kann man Errol Marklein beschreiben, obwohl er im Rollstuhl sitzt. Der 51-Jährige hat aus seiner Not eine Tugend gemacht. Er hat den Rennrollstuhl erfunden, ist mehrfacher Weltmeister und Olympiasieger und hat sich ganz der Weiterentwicklung von Rollstühlen verschrieben.

Über 30 Jahre ist es her, dass Marklein verunglückte. Die Diagnose: querschnittsgelähmt. Er kann nicht mehr laufen, aber er will Sport treiben und weiter im Leben stehen.

Erst baut der gelernte Informationselektroniker einen Kassenrollstuhl um. Dann tut er sich mit der Firma Sopur im nordbadischen Malsch zusammen, einem Unternehmen, das Gitterroste und Gartentore herstellt. „Der erste Rennrollstuhl, den wir gebaut haben, war aus Vierkantrohren“, erinnert er sich. Aus Sopur wird ein Rollstuhlhersteller, der seit 1992 zum amerikanischen Konzern Sunrise Medical gehört und heute 220 Mitarbeiter beschäftigt.

Markleins Mitstreiter sind der 46-jährige Teile-Konstrukteur Winfried Sigg und der 49-jährige Industriekaufmann Jürgen Geider. Auch sie sind an den Beinen gelähmt, auch sie haben etliche Wettbewerbe gewonnen. Ihr gemeinsames Motto: Nicht laufen können ist kein großes Handicap! Es gibt schließlich technische Hilfsmittel. Ihr Ziel: Helfen und integrieren.

Seit zwölf Jahren baut der Marktführer Sunrise Medical „Handbikes“. Das sind dreirädrige Sportrollstühle, die viel von einem Fahrrad haben. Sigg: „Alles was die Fahrradindustrie verwendet, wie Gangschaltung, Bremsen und Materialien, nutzen auch wir.“

Die Behinderung ist zweitrangig

„Das verbindet“,  freut sich  Marklein, „denn jeder weiß etwas zum Fahrrad zu sagen.“ Wie schnell? Wie schwer? Wie viele Gänge? Wie teuer? So lauten die Fragen, mit denen er und die anderen konfrontiert werden. Die Behinderung ist zweitrangig. „Erst dann wollen die Leute wissen, wieso ich das Bike mit den Armen bediene.“

Den Sportrollstuhl gibt es  für ambitionierte Sportler, für Gelegenheitsfahrer und für Hobbyfahrer. Übrigens: Auch Nichtbehinderte nutzen das  Handbike. Nur zum Spaß.

15 bis 16 Kilogramm wiegt das Leichtgewicht. Sein Preis liegt zwischen 3.000 und 6.000 Euro.

„In Deutschland gibt es etwa 6.000 bis 10.000 Handbike-Fahrer“, schätzt Marktspezialist Geider.

Sunrise Medical baut 600 bis 800 Stück pro Jahr. Tendenz steigend. Denn wo immer mehr ältere Menschen leben, gibt es auch mehr Gehbehinderte. Deshalb steigt auch bei den Alltagsrollstühlen der Bedarf. Sie machen mit der 100-fachen Menge das Hauptgeschäft in Malsch aus.

Für Marklein, Geider und Sigg gibt es noch viel zu tüfteln. An Ideen mangelt es nicht: Eine unkomplizierte Bedienung! Keine Bowdenzüge mehr! Schalten per Knopfdruck! Eine flexible Sitz- und Rückenverstellung! GPS! Einen Elektrorollstuhl auf zwei Rädern! Mehr Elektronik! Kleinere Antriebe! …. „Aber es bleibt dabei“, sagt Marklein, „trotz aller Hilfsmittel sollen sich unsere Kunden möglichst selbst bewegen.“

Joachim Sigel

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