Fachkräftemangel

Vollgas in der Ausbildung


Wie Unternehmen den Nachwuchs für sich gewinnen

Memmingen/Höchberg/Stockdorf. Für Ausbildungsleiter Andreas Tschugg war es ein Weckruf: Im Schnitt zehn Interessenten je Lehrstelle zum Elektroniker für Geräte und Systeme hatte Rohde & Schwarz in Memmingen 2006 gezählt – 2009 waren es noch fünf. „Es musste was passieren“, erzählt er. „Einigen Interessenten fehlen wichtige Qualifikationen, sodass eine hohe Zahl von Bewer­bungen für uns äußerst wichtig ist.“

Er entschied, seine Auszubildenden ausschwärmen zu lassen: Im direkten Kontakt sollten sie für eine Lehre bei dem Hersteller von Funk- und Messtechnik werben. So häufig wie nie zuvor gastierten sie in den Schulen der Umgebung. Zudem besuchten Schüler in einem Feriencamp das Unternehmen und machten sich selbst ein Bild.

„Das alles zu organisieren war ein riesiger Aufwand“, berichtet Tschugg. „Aber er hat sich gelohnt.“ 2010 bewarben sich im Schnitt wieder neun Jugendliche auf eine Ausbildungsstelle.

Die Jugend ist leistungsbereit

Unternehmen können heute nicht mehr darauf warten, dass ihnen die jungen Leute für eine Lehrstelle nachlaufen. Sie müssen richtig Gas geben, um genügend Nachwuchs zu finden. Denn die potenziellen Azubis werden knapp: Die Zahl der bayerischen Schulabgänger wird bis 2025 um rund ein Viertel sinken. Die Konkurrenz um den Nachwuchs wird stärker. Betriebe müssen schon heute genau darauf achten, attraktive Arbeitsbedingungen anzubieten.

Dazu gehört genügend Zeit für Familie und Freunde, die hoch im Kurs steht (siehe Galerie). Wichtig ist auch eine interessante und fordernde Aufgabe. Die heutige Jugend will etwas leisten, eigenständig arbeiten – und gebraucht werden.

„Wir kommen Bewerbern häufiger als früher entgegen, wenn wir sie unbedingt einstellen möchten“, sagt Ausbildungsleiterin Manuela Reuther vom Medizintechnik-Hersteller CareFusion. Junge Menschen hätten heute zum Teil ganz genaue Vorstellungen davon, was sie in ihrer Ausbildung erleben und lernen möchten, berichtet sie.

Reuther kann Bewerbern anbieten, die Fremdsprachenkenntnisse auszubauen. Denn CareFusion ist ein amerikanisches, weltweit tätiges Unternehmen. Wer am Standort in Höchberg nahe Würzburg eine Aufgabe übernimmt, für die er mit ausländischen Niederlassungen oder Kunden kommunizieren  muss, wird mit Sicherheit sein Schul-Englisch verbessern. „Einige Bewerber wollen das unbedingt“, sagt die Ausbildungsleiterin.

Eigenständiges Arbeiten erwünscht

Anderen Jugendlichen wiederum sei es besonders wichtig, schon früh Verantwortung zu übernehmen, berichtet Reuther. Ihnen kann sie anbieten, das Unternehmen online zu repräsentieren. Bei CareFusion betreuen Azubis die Ausbildungs-Homepage und den Firmenauftritt im sozialen Netzwerk Facebook, das junge Leute stark nutzen.

Ein großer Vorteil für das Unternehmen: Der eigene Nachwuchs spricht die gleiche Sprache wie die jungen Interessenten. „Es kostet sie zwar viel Zeit, gerade wenn man aktuell sein will“, berichtet die Ausbildungsleiterin. „Aber unsere Jugendlichen reifen an dieser Aufgabe.“

Auch der Automobil-Zulieferer Webasto in Stockdorf bei Mün­chen überträgt seinem Nachwuchs früh Verantwortung. Auszubil­dende arbeiten zwölf Wochen lang unter dem Dach der Webasto AG für die Junior-Firma „Young Drive“. Während dieser Zeit kümmern sie sich um den weltweiten Vertrieb der Werbemittel für das gesamte Unternehmen. Einige von ihnen dürfen dabei sogar an vorderster Front ran und für Fotos posieren. Dies macht Spaß und steigert zugleich die Identifikation mit dem Unternehmen.

Das Konzept, die jungen Menschen stark einzubinden, kommt an. Julia Volkmer, angehende Bürokauffrau: „Ich bin hier keine Figur, die man von Abteilung zu Abteilung reicht, sondern ein Team-Mitglied, dessen Leistung man schätzt.“

 

Info: Shell-Jugendstudie

Jugendliche von heute wollen etwas leisten und im Beruf vorankommen – ohne die privaten Beziehungen zu Familie und Freunden zu vernachlässigen. So lautet das Ergebnis der aktuellen Shell-Jugendstudie.

Sie wird seit 1953 regelmäßig in Auftrag gegeben, um die Werte-Vorstellungen der Jugend abzufragen. Für Betriebe, die im Wettbewerb um Nachwuchskräfte stehen und deren Wünsche in Zukunft stärker berücksichtigen wollen, liefert die Studie wertvolle Orientierung.

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