Weltmarktführer

Viele bayerische Firmen sind im globalen Vergleich spitze

Krailling/Wiggensbach/Nürnberg. Die meisten Dentalkronen und -brücken in Deutschland werden nicht mehr handwerklich gefertigt, sondern im industriellen 3-D-Druck-Verfahren auf Maschinen der EOS GmbH Electro Optical Systems. Zehn Millionen Stück waren es allein im vergangenen Jahr. Das Unternehmen aus Krailling bei München ist weltweiter Technologie- und Marktführer – in der sogenannten additiven Fertigung auf Basis der Laser-Sinter-Technologie.

Ein Laserstrahl verfestigt dabei pulverförmige Kunststoff- und Metallwerkstoffe Schicht für Schicht zu einem festen Bauteil. Auch bei der Produktion von Hüftimplantaten oder Bauteilen für die Luft- und Raumfahrt werden solche Verfahren angewandt. EOS ist hochinnovativ. Und typisch für Bayern.

Denn der Freistaat bietet eben nicht nur sanfte Hügel, liebliche Seen und steile Berge, sondern auch viele Top-Unternehmen. Neben Baden-Württemberg gilt Bayern in Deutschland als die klassische Region der Weltmarktführer. Und die schöne Landschaft spielt dabei auch eine Rolle. „Sie hilft uns, Mitarbeiter aus anderen Regionen Deutschlands zu gewinnen“, sagt Clemens Bauernfeind, Geschäftsführer des Autozulieferers Swoboda aus Wiggensbach im Allgäu.

Nach Angaben von Professor Bernd Venohr, Mitherausgeber des „Lexikons der deutschen Weltmarktführer“, gibt es bundesweit 1.620 Weltmarktführer. Darunter Großkonzerne wie Siemens oder BMW – doch 90 Prozent sind kleine und mittelständische Unternehmen. Laut Venohr sind diese Firmen besonders eng verwachsen mit der Belegschaft und der Region. Sie sind sehr langfristig orientiert und neigen noch stärker als die Großen dazu, Gewinne prinzipiell gleich wieder ins Unternehmen zu stecken. Häufig seien es Familiengesellschaften, die in einer Nische spitze und in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Besonders viele davon gibt es in der Boomregion um München – und in ländlichen Gebieten wie dem nördlichen Oberfranken oder in Schwaben.

So wie Swoboda. 1947 wurde der Betrieb als Textilfirma gegründet. Heute entwickelt und fertigt man hochpräzise Metall-Kunststoff-Komponenten für die Automobilelektronik. Etwa Gehäuse für die Getriebesteuerung, Sensoren oder Lenksysteme an der Schnittstelle von Mechanik und Elektronik, die die elektronischen Bauteile vor Erschütterungen, Hitze, Wasser, Öl und Staub schützen und für stabile Kontakte und Anschlüsse sorgen. Vom Firmensitz in Wiggensbach aus werden die Neuheiten entwickelt, produziert und vertrieben.

Gemeinsame Kennzeichen sind eine hohe Innovationskraft und ein großes Know-how in der Fertigung

Die hohe Innovationskraft und großes Know-how in der Fertigung sind generell Kennzeichen der Weltmarktführer. Durchschnittlich 7,2 Prozent ihres Umsatzes geben sie für Forschung und Entwicklung aus. Ein Großteil der Investitionen fließt in die hiesigen Standorte. Dahinter verbirgt sich auch ein Problem: Angesichts der hohen Kosten ist nur durch innovative Fertigungsprozesse, jedenfalls bislang, globale Wettbewerbsfähigkeit möglich.

Swoboda beschäftigt 900 der insgesamt 2.500 Mitarbeiter in Wiggensbach. Und hat dort zuletzt die Kapazitäten ausgebaut und kräftig Personal eingestellt. „Wir haben hier ein in Jahrzehnten angesammeltes Know-how, das sich nicht einfach woandershin verpflanzen lässt“, sagt Geschäftsführer Bauernfeind. Die Mitarbeiter seien leistungsbereit und schätzten das attraktive Umfeld.

Bauernfeind hebt auch das hohe Ausbildungsniveau mit dualer Berufsausbildung und dualen Studiengängen hervor. Zusammen mit den vielen Hochschulen und Fachhochschulen sei Deutschland international beispielhaft. Swoboda kooperiert mit den Hochschule in Kempten und Ravensburg. So wie er arbeiten viele Mittelständler mit Bildungseinrichtungen zusammen.

Auch der Elektromotoren-Produzent Bühler in Nürnberg setze auf Innovationen und neueste Technologien sowie hohe Qualitätsstandards, betont Geschäftsführer Peter Muhr. „Nur so können wir unsere Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen.“

Die 1855 gegründete Firma stellt etwa Wasserpumpen für das Thermo-Management in Autos her: Die kommunizieren über ein Steuergerät und passen die Fördermenge an die Kühlsituation an. Im Programm sind auch Getriebeölpumpen für Start-Stopp-Systeme in Autos. Dass gerade Mittelständler so häufig spitze sind, erklärt sich Muhr damit, dass sie oft besonders agil, flexibel und kundenorientiert seien.

Bühler und Swoboda sind längst im Ausland präsent, haben Werke in China und Mexiko. „Wir folgen unseren Kunden in Wachstumsmärkte, weil sie dort hohe Anteile an lokaler Produktion nachweisen müssen“, sagt Swoboda-Chef Bauernfeind. Doch das sichere auch Beschäftigung in Deutschland.

Die Achillesferse ist die Nachfolge-Frage

Für Hans J. Langer, Gründer und Geschäftsführer des Maschinenbauers EOS, gibt es keine Alternative zur Region München. „Nirgendwo anders bekomme ich so gut ausgebildete und fachlich kompetente Leute wie hier.“ Die hochinnovative EOS-Fertigungstechnologie steht vor dem Durchbruch zur Serienfertigung. Die Zahl der Mitarbeiter steigt, bis Jahresende sollen es über 700 sein, davon 500 in Krailling. Ein weiteres Gebäude ist in Planung und soll bis 2017 fertiggestellt werden.

Die Achillesferse vieler dieser Unternehmen ist die Nachfolge-Frage. Nicht so bei Bühler und Swoboda. Bei Bühler steht die nächste Generation bereit, bei Swoboda fand der Wechsel bereits statt.

Viele sind kaum bekannt

  • 1.620 Weltmarktführer gibt es in Deutschland. Gemeint sind damit Firmen, die in ihrem jeweiligen Marktsegment global führend sind.
  • Die meisten Weltmarktführer finden sich in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.
  • Bekannt sind Firmen wie BMW, Siemens oder Bosch. Doch von der Anzahl her dominieren die mittelständischen Familienunternehmen.
  • Viele sind hochspezialisierte Technologieführer, die in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind.

Interview

Professor Bernd Venohr, Autor des „Lexikons der deutschen Weltmarktführer“. Foto: Privat
Professor Bernd Venohr, Autor des „Lexikons der deutschen Weltmarktführer“. Foto: Privat

„Übermut ist die größte Gefahr“

Ihre Innovationskraft ist laut Professor Bernd Venohr, Autor des „Lexikons der deutschen Weltmarktführer“, die Stärke der Mittelständler.

Warum gibt es in Bayern so viele Weltmarktführer?
Weil Bayern landschaftlich attraktiv ist und seit vielen Jahren eine unternehmensfreundliche Wirtschaftspolitik hat. Wichtig sind auch leistungsstarke Hochschulen und Universitäten. In der Nachkriegszeit profitierte das Land außerdem von Verlagerungen aus Berlin.

Was zeichnet die Unternehmen aus?
Hohe Innovationskraft. Sie investieren deutlich mehr als andere. Dazu kommen eng geknüpfte eigene Vertriebs- und Servicenetze mit langfristigen Kundenbindungen. Ergänzt wird dies durch die Spitzenstellung bei der Einführung moderner Produktionsmethoden. Mehr als 70 Prozent der Weltmarktführer sind langfristig orientierte Familienfirmen. Wichtig sind auch das Technologie-Transfernetzwerk, langfristige Finanzierungspartner und das duale System der Berufsausbildung.

Welche Folgen haben Digitalisierung und Globalisierung?
Die Digitalisierung stellt Geschäftsmodelle stark in Frage. Die Nachfrage verlagert sich dauerhaft in andere Regionen, vor allem nach Asien, besonders wächst hier das Mittelpreissegment. Premiumhersteller müssen auch günstigere Produkte anbieten können. Es sind tiefgreifende Änderungen notwendig. Die Unternehmensnachfolge ist eine Schicksalsfrage. Auch Weltmarktführer werden vom Markt verschwinden.

Was sind die größten Gefahren?
Selbstzufriedenheit und Übermut. Demografische Trends und Fehlentwicklungen bei der Umsetzung der Energiewende erschweren Mittelständlern die Arbeit. Bei der Start-up-Förderung könnte man mehr tun.

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