Kurzarbeit

Viel besser als Kündigung


Flexible Stellschrauben im Tarifsystem sind jetzt von Vorteil

Hannover. 2.100 Kilogramm Kunststoffgranulat spuckt die Anlage aus, die Maschinenführer Martin Steinbach (35) „fährt“. Kleine Kunststoffperlen sind das, aus denen später einmal unter anderem für die  Automobil-Industrie feinste Armaturenbretter gefertigt werden.

Steinbach ist Sprecher einer fünfköpfigen Ar­beitsgruppe bei Albis Plastic Hamburg. Um Kündigungen zu vermeiden, hat auch sein Unternehmen bis Ende Mai Kurzarbeit angemeldet. In drei Schichten  an drei statt  fünf  Tagen  der  Woche wird seit November gearbeitet. 270 der insgesamt 630 Mitarbeiter sind davon betroffen.

Lob für die Arbeitsagenturen

Bundesweit meldeten 10.000  Be­triebe im Januar Kurzarbeit an, knapp 16.900 im Februar, 24.000 im März. Große und kleine – viele aus der Metall- und Elektro-In­dustrie. Alle Firmen haben ein Ziel: Sie wollen Entlassungen verhindern. Denn nach der Krise werden die Fachkräfte benötigt. Die örtlichen Arbeitsagenturen regeln die Formalitäten – und bekommen dafür ein dickes Lob von den Unternehmen.

„Wir hatten bei der Arbeitsagentur kompetente An­sprechpartner“, bestätigt Hans Holly, Personalchef der Baker Hughes GmbH in Celle. „Keine übertriebene Bürokratie, man war schnell und sehr hilfsbereit“, so Michael Hirte, Personalleiter der TRW Automotive GmbH in Barsinghausen.

Kurzarbeit ist ein „Klassiker“ der Ar­beitsmarktpolitik und stammt aus den 50er-Jahren. „Unsere Betriebe gehen äußerst verantwortungsvoll mit ihren Be­schäftigten um“, resümiert Volker Schmidt, Chef vom Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall. „Sie verzichten in der Breite auf Entlassungen, obwohl die Situation zum Teil dramatisch ist.“

Geld aus Nürnberg

Hier hilft auch das flexible Tarifsystem: In anderen Ländern hat der Stellenabbau sehr viel früher eingesetzt, weil dort viel weniger Stellschrauben zur Beschäftigungssicherung vorhanden sind als bei uns.

Jeder Kurzarbeiter bekommt von der Nürnberger Bundesagentur 60 Pro­zent seines Nettos für die arbeitsfreie Zeit (zunächst) steuerfrei. Lebt ein Kind im Haushalt, erhöht sich der Zuschuss auf 67 Prozent. Zusätzlich wird die Hälfte der Sozialabgaben übernommen. Nutzt man die Kurzarbeit zur Qualifizierung, folgt die an­dere Hälfte.

Qualifizierung in der Krise – darauf reagieren auch die Bildungsträger. „Wir stellen zurzeit eine Palette von Weiterbildungsmaßnahmen zusammen“, sagt Detlef Otto vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft. Das Ziel: Nicht nur komplette Gruppen aus einem Betrieb, sondern viele Teilnehmer aus verschiedenen Betrieben sollen die An­gebote in Anspruch nehmen

können.

Werner Fricke

Info: Kurzarbeitergeld

Bei Kurzarbeit wird der finanzielle Absturz abgefedert: mit dem „Kurzarbeitergeld“. Bei Normalverdienern mit Kindern stopft das immerhin zwei Drittel der Netto-Lücke (bei Kinderlosen 60 Prozent).

Aber Achtung: Oft wird 2010 eine Nachzahlung ans Finanzamt fällig!

Denn das Kurzarbeitergeld ist nicht ganz „steuerfrei“. Es gilt der sogenannte Progressionsvorbehalt: Weil der staatliche Lohnersatz die „steuerliche Leistungsfähigkeit“ des Empfängers erhöht, wird das normale Einkommen im Nachhinein einem etwas höheren Steuersatz unterworfen.

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