Qualifizierung

Trotz Kurzarbeit alle Hände voll zu tun


Das Chemie-Unternehmen Evonik in Marl nutzt die Zeit zur Weiterbildung

Am Anfang war da die große Leere und so viel Zeit: Bernd Prüsener (41) arbeitet kurz. „Ich hab die Wohnung aufgeräumt und am Auto gebastelt.“ Damit ist Schluss. Seit April ist der Chemikant fast so häufig im Werk wie vor der Krise. Trotz der vier Tage Kurzarbeit im Monat. Er büffelt und lernt, wie man Pumpen schonend anfährt, wie moderne Analyse-Geräte funktionieren, worauf es beim Explosionsschutz ankommt.

„Die Chance lasse ich mir nicht entgehen, während der Kurzarbeit Wissen aufzufrischen und Neues hinzuzulernen“, sagt er. „Man muss das Beste daraus machen.“

Genau das dachten sich Anfang des Jahres auch Personalmanager, Ausbilder und Betriebsräte des Chemie-Unternehmens Evonik in Marl, setzten sich zusammen und entwickelten ein Weiterbildungsangebot, das sich sehen lassen kann: 41 verschiedene Kurse stehen für die rund 600 Kurzarbeiter auf dem Programm, von ganz kurzen mit 12 Stunden über 110-stündige (Schlosserfertigkeiten etwa) bis hin zu solchen mit 1400 Stunden (Chemikanten-Abschluss).

Qualifizierung im Zwei-Schicht-Betrieb

„Alle Kurse haben das Qualitätssiegel vom TÜV“, schildert Ausbildungsleiter Hans Jürgen Metternich. „Für jeden gibt es ein Zertifikat und bei einigen eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer oder dem TÜV.“ Evonik macht Ernst mit der Weiterbildung während der Kurzarbeit, sagt Hartmut Müller, Geschäftsführer der Evonik-Tochter und Standortbetreiberin Infracor: „Wir wollen die Krise als Chance nutzen.“

Im Angebot sind neben Pumpenkurs und Labortechnik zum Beispiel auch Schweißen, Elektro- und Steuerungstechnik sowie PC-Schulungen in Excel und SAP. Stets ist eine gute Mischung aus Praxis und Theorie das Ziel.

Damit jede Schicht mitmachen kann, beginnen morgens um sechs die ersten Kurse und die letzten enden abends um zehn. Auch samstags wird gebüffelt. Für die 42 Ausbilder bedeutet das Zwei-Schicht-Betrieb und einiges an Mehrarbeit: „Wir betreuen ja zugleich 700 Lehrlinge, das läuft weiter“, berichtet Metternich.

„Das Engagement kommt an bei den Kollegen“, weiß Betriebsrat Frank Müller. „Denn Qualifizierung bringt jedem etwas.“

Bernd Prüsener und sein Chemikanten-Kollege Andreas Naujoks (35) haben das Angebot gut genutzt. Prüsener belegte drei, Naujoks zwei Kurse. „Wir haben uns in Absprache mit unserem Betriebsleiter das ausgesucht, was uns interessiert und was wir brauchen können“, erzählt Naujoks. „Denn das Lernen muss Spaß machen, sonst bleibt nichts hängen.“

Kurse zunächst nur bis zum Herbst

Natürlich ist es am Anfang ungewohnt, erzählt Prüsener: „Wenn man nach Jahrzehnten plötzlich wieder auf der Schulbank sitzt, ist man erst mal gehemmt.“ Doch die Ausbilder-Profis in Marl sorgen dafür, dass der Knoten rasch platzt. „Kann man zudem noch einiges gleich im Betrieb anwenden und versteht man Vorgänge besser, motiviert einen das

richtig“, weiß Naujoks.

Seit April paukten 230 Beschäftigte rund 7.000 Stunden pro Monat. Bis Ende Juli sollen über 1.000 Mitarbeiter teilgenommen haben, auch von anderen Standorten.

„Die Kurse sind zunächst bis zum Herbst geplant“, so Geschäftsführer Müller. „Wir hoffen, dass die Konjunktur dann wieder anzieht.“

Auch Prüsener und Naujoks setzen darauf. Zumal Kurzarbeit für sie 200 bis 250 Euro weniger Netto bedeutet. „Die spürt man schon“, so Prüsener. Doch er bleibt optimistisch. „Unsere Anlage ist schon wieder etwas stärker ausgelastet.“ Und außerdem ist nun ersteinmal Urlaub.

Hans Joachim Wolter

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