Wie sich auch schlechte Schüler gut entwickeln können

Trotz einer Vier in Mathe zum Ingenieur

Giengen an der Brenz. Manchmal wird man vom Leben wachgeküsst. So ähnlich empfindet es im Rückblick Holger Seeger (39), Logistik-Planer bei der Firma Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH).

Durch Zufall wurde er mit Anfang 20 Servicetechniker und war allein zu Kunden unterwegs. „Ich musste selbstständig Entscheidungen treffen“, sagt er. „Und habe dabei gelernt, auch mein eigenes Leben in die Hand zu nehmen.“

In der Kindheit gab es ­ kaum Unterstützung

Bis dahin hatte Seeger keine großen Ziele. „In der Hauptschule“, erzählt er, „bin ich mit minimalem Aufwand durchgekommen.“ Zu Hause, in einer kleinen Ortschaft im Landkreis Dillingen an der Donau, gab es kaum Unterstützung: Seine Mutter starb, als Seeger noch Grundschüler war; der Vater stand allein mit fünf Kindern da. „Schau, dass du bald eine Ausbildung machst“, hieß es. Problem: Im Bewerbungszeugnis der achten Klasse standen miserable Noten, in Mathe eine Vier.

Doch schon damals zeigte sich der Wille, sich durchzubeißen: Trotz der auf dem Papier schlechten Qualifikation bekam er bei einem örtlichen Handwerksbetrieb eine Lehrstelle als Elektriker. Nach mehreren Zwischenstationen fand er 1998, mit 23 Jahren, den Weg in das BSH-Werk in Giengen an der Brenz (bei Ulm). Zunächst arbeitete er als Montierer am Band, aber schon nach wenigen Monaten als Gruppenkoordinator.

Schulnoten sind eben nicht alles, sagt dazu Hans-Peter Hafner, Gruppenleiter in dem Werk mit insgesamt 2.500 Mitarbeitern. „Wenn ein Bewerber beim Schülerpraktikum einen guten Eindruck macht, stehen die Noten nicht mehr im Vordergrund.“ Ab einem bestimmten Zeitpunkt seien sie ohnehin nicht mehr relevant: „Dann kann der Vorgesetzte aufgrund der beruflichen Erfolge in der Vergangenheit ablesen, ob das Potenzial für weiterführende Aufgaben zu vermuten ist.“

Meister, Projektleiter – und dann noch einmal vier Jahre Studium

Die Kältefabrik, die jährlich etwa 1,6 Millionen Kühlgeräte produziert, ist kein Einzelfall. Andere Betriebe gehen sogar noch weiter. So blendet der Maschinenbauer Trumpf in Ditzingen (bei Stuttgart) bei der Sichtung der jährlich 2.000 Ausbildungsplatzbewerber die Schulnoten zunächst komplett aus.

Stattdessen schickt man sie erst mal in einen von Psychologen entwickelten Online-Test. „Dabei geht es um Werte“, erklärt Ausbildungsleiter Andreas Schneider, „etwa Neugier, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und emotionale Stabilität.“ Wer da ordentlich punktet, hat gute Chancen auf einen der jährlich 66 Plätze.

Und über Laszlo Bock, Personalentwickler des Internet-Giganten Google, dürften viele Studienräte irritiert den Kopf schütteln. Er fasst seine Erfahrung so zusammen: „Nach zwei, drei Jahren im Beruf ist es für den Erfolg nicht mehr entscheidend, ob jemand ein guter oder schlechter Schüler war.“

BSH-Mitarbeiter Holger Seeger ist dafür ein Beleg. Nachdem er sich als Gruppenkoordinator bewährt hatte, folgte mithilfe der Firma die Weiterbildung zum Meister. Als Projektleiter in der Logistik-Planung musste er, der einst mit Mathe auf Kriegsfuß stand, „gewaltig rechnen“. Und das anschließende Studium zum Mechatronik-Ingenieur an der Hochschule Aalen war „eine Ochsentour“. Doch Seeger, mittlerweile Familienvater, schaffte die vier harten Jahre – und richtig gute Noten: „Meine Abschlussarbeit in Logistik-Planung habe ich mit ­ 1,0 gemacht.“


Hintergrund

Thomas Alva Edison. Foto: dpa
Thomas Alva Edison. Foto: dpa

Erfolgreich trotz schlechter Noten – prominente Fälle

Thomas Alva Edison erfand die Glühbirne und war ein begnadeter Unternehmer – doch in der Schule blieb er sitzen. Ehrenrunden drehten auch Politiker wie Edmund Stoiber oder Klaus Wowereit und Showstars wie Harald Schmidt oder Otto Waalkes.

Manche brachen gar die Schule ab – etwa der spätere Vizekanzler Joschka Fischer, der Modeschöpfer Ralph Lauren und der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann.

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