Daddeln senkt die Fehlerquote

Training mit dem Wii-Controller: Opelaner üben Autobau jetzt virtuell

Rüsselsheim. Monteur Ali-Riza Yildiz steht konzentriert vor einer Leinwand: Seinen Arm bewegt er nach oben – zur Seite – nach vorne. Und schiebt so wie von Zauberhand animierte Autoteile und Werkzeuge durchs Bild. Yildiz daddelt für den Job, er testet für Opel in Rüsselsheim das neue Lernprogramm „Vistra“ (Virtuelle Simulation und Training). Damit könnte der Autohersteller künftig Millionen Euro einsparen.

Die Idee: Mitarbeiter üben per Spielekonsole Abläufe, die sie später in der Montage umsetzen müssen. Laptop, Wii-Controller und eine Kinect-Kamera – mehr Elektronik braucht es dafür nicht.

Wie bei einem Computerspiel gibt es mehrere Level

Yildiz grinst zufrieden, Level 1 von 3 ist geschafft. Wie bei einem Computerspiel steigt nun der Anspruch. „Das System zeigt mir, welche Teile ich brauche und in welcher Reihenfolge ich vorgehen muss“, sagt der Monteur und manövriert gekonnt ein Gehäuse ins passende Feld. „Das ist realistischer als jede Skizze“, schwärmt er.

Und Yildiz (48) weiß, wovon er spricht. Er baut seit 28 Jahren Autos zusammen. Ohne Training geht da nichts: Ein Pkw besteht heute aus über 10.000 Einzelteilen, die in 1.200 Arbeitsschritten montiert werden. Yildiz baut Türen ein, an der Linie hat er dafür nicht viel Zeit. Schließlich sollen pro Stunde bis zu 60 Pkws vom Band rollen.

Neue Varianten studieren die Monteure bislang erst auf dem Papier und am PC, dann erproben sie ihre Handgriffe an sündhaft teuren Vorserien-Karosserien. Mit dem virtuellen Training könnten die Hersteller den Lernprozess beschleunigen, reale Prototypen einsparen – und damit viel Geld. Erste Vergleiche haben gezeigt: Mitarbeiter, die virtuell trainierten, machten 40 Prozent weniger Fehler als Kollegen, die nur am Prototyp übten!

„Sie fühlen sich sicherer und arbeiten schneller“, sagt Frank Arlt, Ingenieur für Fertigungssimulation. Damit würde der Produktionsanlauf bei Modellwechseln beschleunigt. Unter Arlts Leitung hatte der Autohersteller 2011 das internationale Projekt angeschoben, das die EU mit 3,6 Millionen Euro förderte. Sechs Partner aus Wissenschaft und Industrie waren beteiligt.

„Innovative Technologien wie Vistra gehören in jede Fabrik der Zukunft“, bekräftigt Dominic Gorecky vom Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz in Kaiserslautern.

Virtuell arbeiten ist an sich ja nicht neu: Flugzeugkapitäne üben schon seit Jahrzehnten an Simulatoren, Automodelle entwerfen Ingenieure digital in 3-D. „Neu ist, dass wir die Daten der einen Stelle nun automatisiert für andere Zwecke aufbereiten können“, erläutert Experte Gorecky. „Die Software vernetzt zuvor getrennte Bereiche.“ So können Monteure die Daten der Ingenieure für ihr Training nutzen. Technologien wie Tablets und die Kinect-Kamera fördern den Austausch und erleichtern die Interaktion.

Im Opel-Werk in Eisenach wird Vistra nun erprobt. Besteht es den Praxistest, soll es bald für alle Unternehmen bezahl- und verfügbar sein: „Autohersteller rund um den Globus haben bereits Interesse“, verrät Gorecky.


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