Wärme-Projekt: „Dingdenergie“

Textilveredler van Clewe heizt bald private Haushalte

Dingden. Lange kann Ansgar van Clewe seine Finger nicht auf das dicke Metallrohr legen. Brandblasen könnten die Folge sein. „Da fließt Wasser mit mindestens 60 Grad durch“, sagt der Chef des Textilveredlers van Clewe in Hamminkeln-Dingden.

Für den 190-Mann-Betrieb nahe Bocholt, der jährlich rund zehn Millionen Laufmeter Textilien für die Bekleidungs-, Automobil- und Heimtextilbranche produziert, ist diese Wärme ein Abfallprodukt. Zwar sind die Dingdener ständig dabei, ihren Energieverbauch zu verringern und Wärme zurückzugewinnen, jedoch fällt über das Abwasser und die Spannrahmentrockner in der Veredelung sehr viel Restwärme an, die nicht weiter genutzt werden kann.

Damit soll bald Schluss sein. Denn Dingden – textiles Zentrum in Westfalen mit knapp 1.000 Beschäftigten in Textilbetrieben wie van Clewe, Borgers, Setex und Schmänk – arbeitet mit diesen Unternehmen an seiner eigenen Energiewende mit dem Namen „Dingdenergie“. Unterstützt werden die Betriebe in dem Modellprojekt vom Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie in Münster.

Wärme aus dem Verbund – sie macht die eigene Heizung überflüssig

Das Prinzip: „Was die Betriebe an Strom und Wärme übrig haben, soll an die Kommune und Privatleute weitergeleitet werden“, so Thomas Michaelis, in der Gemeinde verantwortlich für das Zukunftsprojekt. Van Clewes überschüssige Wärme hätte es nicht weit. Etwa 300 Meter trennen das heiße Rohr von einem Wohngebiet. „Mit unserer Restwärme könnte man dort heizen“, so van Clewe. Eine eigene Heizanlage wäre in den Privathäusern nicht mehr notwendig.

Schon 2016 soll der Leitungsbau beginnen. „Das Projekt macht langfristig ökologisch und ökonomisch Sinn“, ist sich van Clewe sicher. Er wird mit dabei sein – und in Zukunft sogar vielleicht Strom für die benachbarte Eigenheim-Siedlung liefern. Die Quelle dafür steht in einem lärmisolierten Container mitten auf dem Betriebsgelände und surrt vor sich hin – ein Blockheizkraftwerk (BHKW). Leistung im Dauerbetrieb: satte 500 Kilowattstunden Strom und nochmals 500 Kilowattstunden Wärme.

Viele Textilbetriebe haben in den letzten Jahren in solche Anlagen investiert, um Kosten zu senken. Sie stellen ihren eigenen Strom her und zahlen dafür eine geringere Ökostrom-Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Das ist die Zusatzabgabe, mit der die Produktion erneuerbarer Energien wie Windenergie, Solar- und Wasserkraft unterstützt wird. Beim Textilveredler van Clewe versorgt das BHKW zunächst werkseigene Anlagen wie Pumpen, Lüfter oder Elektromotoren mit Strom und die Prozesswässer mit Wärme.

Die Anlage wie auch andere Wärmequellen bieten noch so viel Reserve, dass das ganze Jahr über diese Wärme von Privathaushalten genutzt werden könnte. Hinzu kommt Strom, der als „Abfallprodukt“ entsteht. „Das hat für alle Beteiligten Vorteile“, sagt Thomas Michaelis von der Gemeinde Hamminkeln.

Die hat jetzt bei der Sanierung einer Straße erst einmal eine Wärmeleitung mitverlegt. Über die Hälfte der Anwohner interessieten sich für einen Anschluss: „Ich habe wöchentlich Anfragen dazu.“

Erstes Privathaus angeschlossen

Zurzeit werden eine Schule, eine Sportanlage und ein Kindergarten mit Wärme über eine Biogas-Anlage versorgt. Anfang September kam das erste Privathaus hinzu. Weitere Energielieferanten sind vorhanden. Das in Dingden ansässige Textilunternehmen Borgers könnte Wärme liefern.

„Je mehr mitmachen, umso besser“, sagt van Clewe: „Strom und Wärme vor Ort zu produzieren, ist der richtige Weg, um die Energiewende zu schaffen.“


Die EEG-Umlage in Zahlen

Foto: Mauritius
Foto: Mauritius
  • 95 Prozent der Textilfirmen zahlen die volle EEG-Umlage.
  • Im Schnitt macht sie ein Drittel der gesamten Stromkosten eines Textilunternehmens aus.
  • Die Branche kritisiert, dass sich durch den Aufschlag ihre internationale Wettbewerbsposition verschlechtert. Deshalb schlägt der Gesamtverband Textil + Mode vor, die Umlage nicht auf den Strompreis aufzuschlagen, sondern über Steuern zu finanzieren.

Interview

So wird Abwärme sinnvoll genutzt

Münster. In der Textilbranche gilt „Dingdenergie“ als Beispiel dafür, wie Unternehmen mit Partnern die Energiewende schultern. AKTIV sprach darüber mit Markus Strauß vom Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie.

Was ist das Besondere an dem Dingdener Projekt?

Die Unternehmen üben energietechnisch den Blick über den eigenen Tellerrand. Bisher haben sie sich innerbetrieblich Gedanken über Einsparpotenziale und Kosten gemacht. Im einem Verbund wie Dingdenergie können sie jetzt auch gemeinsam mit verschiedenen Partnern ihre Stärken bündeln.

Was heißt das konkret?

Bisher ungenutzte Energie verpufft nicht mehr. Bei vielen Veredlern etwa geht warmes Wasser aus der Produktion in die Kanalisation, weil die geringe Restenergie sich im Betrieb nicht mehr nutzen lässt. Für das benachbarte Einfamilienhaus oder die Turnhalle reicht die Temperatur zum Heizen aber durchaus. Das ist das Ziel: Diese überschüssige Energie dorthin zu leiten, wo man sie braucht.

Warum macht man das nicht überall?

Weil man die passenden Partner finden muss. Die Betriebe müssen ihre Energieverbräuche optimieren und alle Einsparpotenziale schon ausnutzen. Erst dann können sie die noch überschüssige Energie abgeben. Und die angeschlossenen Verbraucher müssen langfristig gleichmäßig Mengen an Energie nachfragen. Das ist Voraussetzung für einen solchen Verbund.

Gibt es schon Nachahmer?

Noch nicht. Aber das Projekt hat so manchen Firmenchef für das Thema sensibilisiert.

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