Hier ist Handarbeit gefragt

Textile Taue von Seilflechter sind stärker als Stahl

Braunschweig. Eine steife Brise fegt über die Hallendächer der Tauwerkfabrik Seilflechter in Braunschweig. Die Böe wirbelt Andreas Halles Krawatte über die Schulter. „Das ist gut für uns. Frischer Wind belebt das Geschäft“, sagt der Firmen-Chef und fängt seinen tanzenden Schlips wieder ein.

Mit den Tauen und Seilen der Niedersachsen zurren etwa Sport-Skipper ihre Segel fest. „Was den Wassersport angeht, beginnt für uns die Saison im Mai und geht weit in den September“, so Halle. Dann rotieren in den Flecht- und Seilmaschinen Hunderte von Spulen in atemberaubendem Tempo.

Seile von Seilflechter sicherten bei Olympia in Sotschi ein Windnetz

So entstehen in dem 70-Mann-Betrieb täglich bis zu 140.000 Meter Seile. Mit ihnen legen sich nicht nur Boote hart in den Wind. „Unser umsatzstärkstes Segment sind technische Seile“, sagt Halle, der den Familienbetrieb in zehnter Generation führt.

Die Braunschweiger exportieren ihre Flechtwerke in 17 Länder – hauptsächlich in europäische Staaten. Sie ziehen Segelflieger in die Luft, heben als Rundschlingen und Hebebänder schwere Presswerkzeuge im Karosseriebau oder kommen als Rettungs- und Bergeseile bei der Feuerwehr zum Einsatz.

Sogar olympisch war das Tauwerk schon. Im vergangenen Jahr sicherten Seile bei den Winterspielen im russischen Sotschi ein 7.700 Kilogramm schweres Windnetz, das die Ski-Springer an der Schanze vor tückischen Windböen schützte.

Was früher nur mit robustem Stahl machbar war, leisten heute speziell veredelte Hightech-Fasern. „Seile aus solchen hochfesten Materialien sind bei gleichem Durchmesser bis zu 13-mal stärker als Drahtseile aus Stahl“, erklärt Betriebsleiter Rainer Sattler.

Das neue Bergeseil von Seilflechter ist ein solches textiles Kraftpaket: 60 Millimeter dick, stabiler Kern, ummantelt mit der hochfesten Kunstfaser Birolen. Es soll Lkws und schwere Geländewagen aus dem Morast ziehen. Der Clou: „Das Bergeseil dehnt sich bei Belastung bis über ein Viertel seiner ursprünglichen Länge aus“, sagt Sattler. So speichert es die durchs Ziehen entstehende Energie und nutzt sie, um den festgefahrenen Wagen sanft zu bergen. Bis zu 16 Tonnen zieht es weg.

So viel Hightech steckt nicht in jedem Tau. „Manchmal reicht es aus, wenn es robust und griffig ist“, sagt der Betriebsleiter. Wie jenes Seil, das unter Islam Zayeds wachsamem Blick gerade auf der Schlagmaschine verflochten wird. Solche Bootsseile waren früher aus Hanf und verrotteten wegen der Nässe schnell. Die Naturfaser-Optik ist geblieben, dafür sorgt heute eine Mischung aus Polypropylen und Stapelfasern für den richtigen Griff.

30 Kollegen spleißen in Heimbarbeit Schlingen

„Gerade die nutze ich auch in meiner Freizeit“, sagt der gebürtige Ägypter Zayed. Er coacht als Jugendtrainer die örtliche Fußballmannschaft – mit Springseilen, die Seilflechter dem Verein gesponsort hat. Für Firmen-Chef Andreas Halle ist dieses Engagement Standortpflege. Schließlich ist der Familienbetrieb seit 1745 vor Ort: „Und das soll auch so bleiben.“

Dafür braucht der Tau-Spezialist das handwerkliche Know-how seiner Beschäftigten. So spleißen 30 Mitarbeiter in Heimarbeit Tau-Schlingen. Rainer Sattler: „Das ist bis heute pures Handwerk. Mancher Kollege macht das abends, wenn der Tatort läuft.“


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