Made in Germany

Textilbranche: So lässt sich auch am Hochlohn-Standort Deutschland erfolgreich produzieren

Produktion in Westfalen: Firmenchef Jan-Frederic Bierbaum zeigt einen Deckenbezug mit automatisch eingenähtem Reißverschluss. Foto: ZiTex

Düsseldorf. Nordrhein-Westfalen ist immer noch das Herz der deutschen Textilproduktion. Nur weiß das kaum einer. Doch die Zahlen sprechen für sich:

  • Beschäftigte: Insgesamt arbeiten in 194 Betrieben knapp 19.000 Beschäftigte. Das sind fast 20 Prozent aller Arbeitnehmer in der deutschen Textil-Industrie.
  • Umsatz: Die NRW-Textilbetriebe stellten letztes Jahr Produkte im Wert von 2,8 Milliarden Euro her und erwirtschafteten einen Umsatz von 3,4 Milliarden Euro.
  • Export: 2013 verkauften die Unternehmen Produkte im Wert von mehr als 2 Milliarden Euro ins Ausland.

Wie schafft man es, am Hochlohn-Standort Deutschland erfolgreich zu produzieren? Die „Zukunftsinitiative Textil & Mode NRW“ (ZiTex) ist auf Entdeckungstour gegangen. AKTIV war dabei – und erlebte beeindruckende Erfolgsgeschichten.


Kostensenkung

Schön bunt: Eine neue Bettwäsche-Garnitur mit Eulen. Foto: Straßmeier
Schön bunt: Eine neue Bettwäsche-Garnitur mit Eulen. Foto: Straßmeier

Bierbaum setzt konsequent auf Automation

Borken. Zweimal täglich geht Jan-Frederic Bierbaum durch den Betrieb. Der Geschäftsführer des gleichnamigen Bettwäsche-Herstellers im westfälischen Borken schaut nach dem Rechten – und sucht auch das Gespräch mit den 450 Mitarbeitern. Doch dafür bleibt momentan wenig Zeit: „Wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze – vier Schichten, sechs Tage die Woche.“

Die Flanell- und Satinbettwäsche des vollstufigen Textilunternehmens ist zu 100 Prozent „made in Germany“. Möglich ist das, weil der Mittelständler ständig weiter automatisiert. Und nach Synergieeffekten sucht: So produzieren die Bettwäsche-Maschinen nebenbei auch noch jährlich 200 Millionen Reinigungstücher. „Wir denken in großen Mengen“, sagt Bierbaum. „So halten wir die Kosten in Schach.“

Selbst knifflige Arbeitsschritte laufen nicht mehr per Handarbeit. So näht eine Spezialmaschine in jeder Schicht 3.000 Reißverschlüsse in die Bettwäsche. Reißverschlüsse sind ein Markenzeichen der Bierbaum-Garnituren, zu denen auch die Marke Irisette gehört. Verkauft wird die Produktion zu 90 Prozent im deutschen Einzelhandel – dabei ist man auch in Discountern mit deren Eigenmarken präsent. Die Billigkonkurrenz aus Fernost sieht Bierbaum gelassen: „Wir liefern bessere Qualität zu vergleichbaren Kosten.“

Marktoffensive

Festgewand aus Damast: Schaufensterpuppe im Showroom. Foto: Straßmeier
Festgewand aus Damast: Schaufensterpuppe im Showroom. Foto: Straßmeier

Wülfing löst auch Spezialprobleme in vielen Teilen der Welt

Borken. Wer erfolgreich sein will, muss auch weite Wege gehen. Die Firma Wülfing in Borken (230 Mitarbeiter am Stammsitz und weitere 200 in einem Tochterunternehmen in Tschechien) liefert neben Bett- und Tischwäsche demnächst „Afrika-Damast“. Daraus wird der „Bubu“ genäht, das traditionelle Festgewand in weiten Teilen des Schwarzen Kontinents. Zur Produktion des Stoffs hat man im Juli gerade die Weberei Arnold Kock in Steinfurt übernommen.

Für Geschäftsführer Johannes Dowe ist das nur ein Beispiel. „Die Amerikaner lieben überbreite Decken – auch da sind wir Spezialisten.“ Wer in den USA in „German Flanell“ schläft, habe wahrscheinlich eine Garnitur von Wülfing.

Etwa 30 Prozent des Umsatzes von 63 Millionen Euro macht Wülfing mit Inkontinenz-Schutz. „Vor 15 Jahren hat darüber keiner geredet. Der demografische Wandel beschert uns einen wachsenden Markt“, so Dowe. Aus der Moltonauflage wurde eine Produktlinie mit Matratzenschutz sowie Knie- und Nackenstützkissen.

Innovation

Dämmtechnik: Werner Borgers mit einer textilen Radschale. Foto: ZiTex
Dämmtechnik: Werner Borgers mit einer textilen Radschale. Foto: ZiTex

Borgers entwickelt Akustik-Dämmungen für Fahrzeuge

Bocholt. Dass moderne Autos leicht und leise über den Asphalt fahren, dafür sorgt zum Beispiel das familiengeführte Unternehmen Borgers aus Bocholt. Die dort produzierten Vliese dämmen Fahrgeräusche, die bei hohen Geschwindigkeiten in den Innenraum dringen.

Der Clou dabei: „Etwa 70 Prozent der verwendeten Rohstoffe bestehen aus nachwachsenden oder recycelten Materialien“, berichtet Firmenchef Werner Borgers. In den 19.000 Kofferraumauskleidungen und 50.000 textilen Radlaufschalen, die neben weiteren Bauteilen im Unternehmen täglich hergestellt werden, stecken Konfektionsabschnitte aus der Bekleidungsindustrie und geschredderte Joghurtbecher.

Die in riesigen Pressen geformten Textil-Bauteile sind leicht – und verringern nicht nur das Fahrgeräusch, sondern auch den Spritverbrauch. „Wir sind voll ausgelastet und können mit dem Auftragseingang kaum mithalten“, sagt Borgers. Deshalb will er allein im kommenden Jahr 45 Millionen Euro in neue Anlagen und Maschinen investieren.

Die Firma beschäftigt 800 Mitarbeiter in Bocholt und weitere 4.600 an 21 Standorten im In- und Ausland.

Verbundproduktion

Blick ins Setex-Stammwerk: Diese Maschine bearbeitet Garnspulen. Foto: ZiTex
Blick ins Setex-Stammwerk: Diese Maschine bearbeitet Garnspulen. Foto: ZiTex

Setex hat sich durch gezielte Zukäufe breiter aufgestellt

Hamminkeln. „Im Vergleich zu anderen Textilern sind wir ein junges Unternehmen“, sagt Konrad Schröer, der Gründer und Geschäftsführer der Firma Setex in Hamminkeln-Dingden. Er startete 1990 mit 17 Beschäftigten. Vor allem durch gezielte Zukäufe sicherte er sich in den letzten Jahren eine gute Position am Markt: Setex produziert jährlich 40 Millionen Quadratmeter Gewebe für flammenhemmende Bühnen- und Vorhangstoffe sowie Textilien rund um die Matratze. Man rüstet auch Groß-Events mit Bühnenstoffen aus.

Allein seit 2011 investierte Setex 15 Millionen Euro: Man übernahm eine Spinnerei, Webereien und Ausrüstungsbetriebe – und betreibt sogar ein Textilkaufhaus in Bocholt. Inzwischen hat die Gruppe über 1.000 Beschäftigte, der Jahresumsatz liegt bei 135 Millionen Euro. „Textil hat Zukunft in Deutschland“, betont Schröer.

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