Betriebe fürchten hohe Kosten

Tarifrunde 2015: Arbeitgeber und Gewerkschaften streiten über Entgelt, Bildung und mehr

Hannover. Harsche Töne prägten den Beginn der Tarifverhandlungen für die 75.000 Beschäftigten der Metall- und Elektro-Industrie Niedersachsens. Die IG Metall drohte mit Warnstreiks; ihr Verhandlungsführer und Bezirksleiter Hartmut Meine erklärte: „Jetzt sind die Arbeitgeber am Zug.“ Man könne einem Abschluss nur zustimmen, wenn die drei aufgegriffenen Themen alle zu einer befriedigenden Lösung geführt würden.

Die IG Metall fordert 5,5 Prozent mehr Entgelt. Außerdem will sie bezahlte Bildungszeiten durchsetzen, mit der sich Beschäftigte bei Fortzahlung des Gehalts privat weiterbilden können, sowie eine Neuregelung der Altersteilzeit mit ausgeweiteten betrieblichen Leistungen. Claudia Beckert, die Verhandlungsführerin des Arbeitgeberverbands NiedersachsenMetall für das Tarifgebiet Niedersachsen und Personalleiterin der Aerzener Maschinenfabrik, wies das als „überzogen und unangemessen“ zurück. „Die IG Metall liegt neben der Spur“, sagte sie.

In der Tat macht man sich in den Unternehmen ernsthaft Sorgen, das Ergebnis der Tarifrunde könne die globale Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und damit auch die Sicherheit der Arbeitsplätze gefährden. „Ich verstehe nicht, wie man bei einer Mini-Inflationsrate von aktuell nahe 0 Prozent eine Tariferhöhung um 5,5 Prozent verlangen kann“, sagt etwa Rainer Scharnowski, Personalleiter der MAN Truck und Bus AG in Salzgitter.

Auch der von Gewerkschaftsseite ins Feld geführte Produktivitätszuwachs sei unrealistisch, betont Scharnowski. So hätten die Wissenschaftler des Sachverständigenrats erst kürzlich ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum 2015 auf 1 Prozent gesenkt. Scharnowski: „Die Produktion in der M+E-Industrie stagniert bereits seit dem Frühjahr 2014. Und auch die Auftragseingänge geben nur wenig Hoffnung auf Besserung.“

Zahlreiche Unternehmen, vor allem exportorientierte, sind von der unsicheren weltpolitischen Lage direkt betroffen. Krisen im Nahen Osten und in der Ukraine sowie die EU-Sanktionen gegen Russland wirken sich aus. Der MAN-Standort Salzgitter fährt beispielsweise in seiner Lkw-Produktion Kurzarbeit (AKTIV berichtete).

Die Unternehmen der M+E-Branche sind sehr unterschiedlich aufgestellt. 12 Prozent müssen für 2014 gar mit roten Zahlen rechnen, weitere 10 Prozent liegen nur ganz knapp im Plus, und nicht einmal jede zweite Firma macht auf 100 Euro Umsatz mehr als 3 Euro Gewinn. Die Stahlseil-Branche beispielsweise kämpft nicht nur mit einer nachlassenden Binnennachfrage, auch die Auslandsmärkte werden schwieriger.

Carsten Stefanowski, Geschäftsführer der Vornbäumen Stahlseile GmbH & Co. KG in Bad Iburg und Verhandlungsführer der Arbeitgeber für den Bezirk Osnabrück-Emsland, wirbt deshalb eindringlich für einen maßvollen Tarifabschluss: „Um in unserer mittelständisch geprägten Region weiter erfolgreich zu sein und das hohe Beschäftigungsniveau zu halten, müssen wir die Belastungen für die Unternehmen gering halten.“

In der Frage der Altersteilzeit hält Stefanowski eine freiwillige Regelung für die beste Lösung. „Wünschenswert wäre eine Möglichkeit für besonders belastete Arbeitnehmer, vorzeitig aus dem Berufsleben auszuscheiden.“ Die Unternehmen bräuchten aber auch das Know-how der Älteren: „In Zukunft werden wir einen erhöhten Fachkräftebedarf haben. Weitergehende Lösungen sollten daher auf Freiwilligkeit beruhen.“

Die IG Metall fordert einen tariflichen Rechtsanspruch auf bezahlte Bildungszeiten. Arbeitgeber-Verhandlungsführerin Beckert verwies dagegen darauf, dass die deutsche Metall- und Elektro-Industrie jährlich 8 Milliarden Euro für Aus- und Weiterbildung ausgebe. „Persönliche Weiterbildung auf Kosten der Unternehmen und damit auch der Belegschaften einzuführen, ist nicht im Interesse der Unternehmen“, so Beckert. „Es ist völlig kontraproduktiv, unsere bewährte, sinnvolle Weiterbildungspraxis in ein tarifvertragliches Korsett zu zwängen.“

 

 


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