Qualität

Starke Fäden für die ganze Welt


Mit Gefühl und Blick: Bevor die Garnspulen in die Nachbehandlung gehen, kontrolliert Jürgen Elsässer sie penibel. Foto: Scheffler
In der Weberei: Hier darf sich nichts überkreuzen. Mitarbeiter Bernhard Fiskal hat bis zu 1.800 Cordfäden fest im Griff. Foto: Scheffler
Verstärkter Reifen: Karl Lorenz (links) und An­dreas Eule zeigen, wie komplex ein Reifenaufbau ist. Foto: Scheffler

Obernburg. Jürgen Elsässer streicht über das glänzende, weiße Garn. Jeden Fehler würde er sofort spüren: „Gespinstkontrolle“ nennt das der Experte. Erst dann geht die Spule in die Nachbehandlung.

Der 33-Jährige ist Produktionsmitarbeiter bei Cordenka im Industrie Center Obernburg am Main. Das Unternehmen ist der führende Hersteller von industriellem Viskosegarn (Rayon).

Mehr als 80 Prozent der Faserproduktion wird als Cordgewebe in hochwertige Auto­reifen eingearbeitet. Die Textilbahn liegt mehrere Schichten unter dem Profil und bildet das innere Gehäuse, die sogenannte Karkasse. Eine Harz-Latex-Lösung verbessert zusätzlich die Haftung der Garne am Gummi.

Spitzenqualität made in Germany

Das Ergebnis: Der Reifen wird verstärkt. So hält er ex­trem hohen Geschwindigkeiten stand und das Auto stabil auf der Straße. „Jeder Reifenhersteller, der Rayon einbaut, kauft Garn von uns“, sagt Geschäftsführer Andreas Eule. Hochwertige Pneus haben es alle.

Das Unternehmen zählt zu den wenigen Herstellern, die Fasern in Deutschland produzieren. „Die aufwendigen mechanischen und chemischen Prozesse machen die Produktion enorm kompliziert“, betont Karl Lorenz, technischer Direktor. Nur in Deutschland gebe es das Know-how dafür. Jede Maschine ist eine Eigenentwicklung. Zudem sitzen die meisten Kunden in Europa.

Auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an

Die Chemiefaser Rayon entsteht aus pflanzlicher Cellulose, die in Form von weißen, pappähnlichen Bögen angeliefert wird. Das Verfahren ist knifflig: Chemikalien zersetzen den Rohstoff. Dann reift und quillt das flockige Zwischenprodukt, die Alkalicellulose. Mit Schwefelkohlenstoff entsteht daraus Viskoselösung. Sie sieht aus wie Honig.

In der Spinnerei drücken Pumpen die zähflüssige Masse durch winzige Düsen. Säure und chemische Zusätze zersetzen die Viskose und bilden einen Faden. Das Problem: Viskose beginnt sofort nach der Entstehung zu verfallen. „Entscheidend ist, zu welchem Zeitpunkt die Lösung ins Spinnbad kommt“, so Lorenz. Nur dann stimmt die Qualität.

Chemiearbeiter Robert Frauenfelder spinnt die Fäden an. Das Auge kommt kaum mit, so schnell wandern seine Hände von Walze zu Walze. Die Fäden wickeln sich auf, werden gestreckt und durchlaufen Reinigung und Trocknung.

Hunderte Spulen reihen sich am Ende in den Werkhallen aneinander. Im Minutentakt werden sie „geerntet“, jeder Handgriff sitzt. 650 Mitarbeiter produzieren 200 Millionen Kilometer Fäden im Jahr, das sind 32.000 Tonnen. „Damit könnte man die Erde am Äquator gut 5.000-mal umwickeln“, sagt Eule.

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