Winzige Lebensretter

Spezial-Phosphate von Budenheim bewahren brennende Gebäude vorm Einsturz

Budenheim. Bricht ein Feuer aus, entscheiden nur Minuten oder sogar Sekunden über Leben und Tod: Wer sich im Gebäude aufhält, atmet giftigen Rauch ein. Rettungswege sind schnell versperrt.

Zeit gewinnen heißt es im Ernstfall. Deshalb stattet man öffentliche Gebäude mit Flammschutzmitteln aus. „Das spezielle Pulver steckt zum Beispiel in Farben und Lacken“, erklärt Moritz Fichtmüller, Geschäftsbereichsleiter bei der Chemischen Fabrik Budenheim. „Die Substanz verzögert den Moment, in dem Flammen entstehen.“

Das Unternehmen ist unter anderem Spezialist für Flammschutzmittel und stellt rund 100 Produktvarianten davon her. Sie schützen zum Beispiel Stahlkonstruktionen im Londoner Flughafen Heathrow, aber auch Kunststoff-Gehäuse und Elektrokabel in Haushaltsgeräten oder Verkleidungen in Autos und Flugzeugkabinen. Der Großteil der Mittel basiert auf Spezial-Phosphaten – genauer gesagt, einem Salz der Phosphorsäure. Es nennt sich Ammoniumpolyphosphat.

So funktioniert’s: „Entsteht Hitze, beginnt sich das Flammschutzmittel automatisch zu zersetzen“, sagt Fichtmüller. „Dabei entzieht das Phosphat den eigentlich brennbaren Kohlenwasserstoffen alle Hydratgruppen.“ Die Folge: Die obere Schicht des Materials verkohlt. Dabei entsteht eine Art Grafitschicht, die nicht brennt.

Eine isolierende Schicht blockt die Hitze ab

Chemietechniker Siegfried Mengel zeigt das im Labor. Mit einem Bunsenbrenner erhitzt er ein präpariertes Holzstück. Binnen Sekunden verkrustet die Oberfläche.

Oft enthalten die Mittel zusätzlich eine Stickstoff-Komponente. „Es entsteht eine isolierende Schicht, die das Aufheizen des darunterliegenden Materials deutlich verzögert“, erklärt Mengel und erhitzt eine Stahlplatte. Sofort „schäumt“ die Oberfläche auf – wie ein dickes Schutzpolster.

Massive Stahlträger in Gebäuden halten der Hitze auf diese Weise 30 Minuten bis zwei Stunden länger stand, bevor sie einknicken: „Stahlträger verlieren ihre Festigkeit ab circa 500 Grad Celsius rapide“, berichtet Fichtmüller und ergänzt: „Unser Flammschutz setzt bei gut 200 Grad ein.“

Die Herstellung der Produkte ist schwer und verlangt besonders viel Know-how – weltweit beherrschen nur wenige Unternehmen das Verfahren. Die Herausforderung: Das im Mittel enthaltene Phosphat reagiert sehr leicht mit Wasser. „Bei der Vermischung der Komponenten müssen wir auf Wasser oder andere Lösungsmittel verzichten“, erläutert der Fachmann. „Ohne Wasser ist es aber enorm schwer, eine gleichmäßige Verteilung aller Teilchen zu erreichen.“ Deshalb werden die Zutaten sorgfältig verknetet. Dabei verketten sich die einzelnen Bestandteile, das Mittel lässt sich jetzt verarbeiten.

Zusätze minimieren die Rauchentwicklung

Zu guter Letzt wird jedes Teilchen noch mit einer Spezialschicht ummantelt. Das erhöht die Beständigkeit des Flammschutzes gegen Witterungseinflüsse – für Außenanstriche eine wichtige Eigenschaft. Je nach Anwendung muss das Pulver aber noch mehr leisten: In Flugzeugen soll es die Rauchentwicklung minimieren, in Textilien viele Wäschen überstehen. Für alles gibt es spezielle Zusätze, die das Expertenteam am Standort Budenheim ebenfalls entwickelt.


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